Berlin : Ich hab da mal ’ne Frage Von Harald Martenstein

Das Sitzenbleiben soll, nach den Sekundarschulen, nun auch an den Gymnasien abgeschafft werden. Bildungspolitiker fordern das. Jeder Schüler, der aufgenommen wird, soll bis zum Abitur durchkommen. Ausnahmen gibt es möglicherweise, wenn der Schüler seine Lehrer verprügelt. Schüler, die nicht mitkommen, sollen individuell gefördert werden, so lange, bis sie mitkommen. Begründung: Sitzenbleiben stellt eine Demütigung, eine Stigmatisierung und eine Frustration dar. Dazu ein paar Fragen an die Bildungspolitiker.

An vielen Berliner Schulen fällt Unterricht aus. Es gibt zu wenige Lehrer, um den Krankenstand auszugleichen. Wie sollen die vorhandenen Lehrer ihre zusätzliche Aufgabe, individuelle Förderung, bewältigen? Falls daran gedacht ist, den Personalstand massiv zu erhöhen: Wie soll das notwendige Geld beschafft werden? Was passiert mit Schulschwänzern? Müssen die Lehrer zu ihnen nach Hause kommen? Wenn niemand die Tür öffnet, wird dann das „Bestanden“-Zeugnis unter der Tür durchgeschoben? Was geschieht mit Schülern, die – vielleicht wegen des zu großen Ehrgeizes ihrer Eltern – auf der falschen Schule gelandet sind? Wie viele Jahre soll solch ein Schüler in einer für ihn ungeeigneten Schule mitgeschleppt werden? Ist das gut für ihn? Oder ist man der Ansicht, dass alle Menschen exakt gleich begabt sind und dass deshalb jeder jeden beliebigen Bildungsabschluss erreichen kann? Was passiert, wenn ein Schüler trotz individueller Förderung, falls es sie denn gäbe, immer noch nicht mitkommt? Hat ein besonders begabter Schüler kein Recht auf Förderung? Wenn ja, warum nicht? Oder gibt es so etwas wie „Begabung“ gar nicht, weil alle Menschen völlig gleich sind? Wie genau werden Schüler gefördert, die nicht in ein oder zwei, sondern in fast allen Fächern schlecht sind? Wenn Sitzenbleiben eine menschenrechtswidrige Demütigung darstellt – wann ist der Moment gekommen, an dem ein junger Mensch reif ist für die Erfahrung, dass gute Leistungen positive Folgen haben und schlechte Leistungen negative? Mit 18? Mit 30? Oder sollte man die Idee, Leistung zu bewerten, völlig verwerfen? Gymnasiumsplätze werden schon jetzt zum Teil ausgelost. Wäre es nicht das Humanste, dieses stigmatisierende, frustrierende, Menschen aussortierende Bildungswesen ganz abzuschaffen?

Hans Magnus Enzensberger hat in der vergangenen Woche in der „FAZ“ eine endgültige Lösung für die Probleme der deutschen Bildungspolitik vorgeschlagen: Jedem Staatsbürger wird an seinem 18. Geburtstag automatisch der Doktortitel in einer Disziplin seiner Wahl verliehen. Ich weiß, dass die Bildungspolitiker es nicht merken, deshalb erwähne ich ausdrücklich, dass es sich um einen satirischen Vorschlag handelt.

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