Berlin : Ich hab noch einen Mann in Berlin

Kirsten Wenzel

Arnim Dietrich ist ein Gentleman der alten Schule. Graue Schläfen, silberne Brille, makelloser Hochzeitssmoking. Bis zu seinem 66. Lebensjahr war er ein glücklich unverheirateter Mann. Bis er eines Tages Post bekam. "Guten Tag, Herr Dietrich!", stand auf einer Karte. "Sie sind zur Zeit ungebunden und könnten sich vorstellen, dies befristet im Rahmen eines Kunstprojektes zu ändern?" Dietrich war neugierig. Eine kühle Blondine im eleganten Tweedanzug erwartete ihn im Cafe. Ihn faszinierte ihr Ring, ein besonders schönes Stück mit einer geschlossenen silbernen Blüte. Sie plauderten eine Viertelstunde, dann machte sie es kurz: "Herr Dietrich, ich möchte ihren Namen tragen. Das ist ein Heiratsantrag."

Die Blüte an ihrem Ring war jetzt geöffnet. Das Zeichen für das Team der Wiener Künstlerin Irene Andessner, dass sie den Richtigen gefunden hatte.

Man heiratet aus Liebe, weil Kinder kommen oder des Geldes wegen. Aber für die Kunst? "Unter einer Performance-Künstlerin konnte ich mir nichts vorstellen", erinnert sich Dietrich, "doch als Irene mir andere Projekte von sich zeigte, war ich begeistert." Arnim Dietrich ist ein Romantiker, Weltbürger und ein Ästhet. Dass er für seine Rolle als Ehemann professionell unter jenen Berlinern gecastet wurde, die Dietrich heißen, tut seinen Gefühlen keinen Abbruch. "Wir heiraten aus Liebe, aus Liebe zur Kunst. Das ist doch himmlisch. Schreiben Sie das."

Es ist nicht ganz leicht, sich in die Welt der Konzeptkünstlerin Irene Andessner hineinzufinden. Warum eine Heirat für die Kunst? Termin im Cafe Einstein, Bibliothekszimmer. Duft von schwerem Puder liegt in der Luft. Irene Andessner trägt Marlenes Hosenanzüge, ihre Seidenbinder, ihre Manschettenknöpfe, ihre rasierten Augenbrauen. Sie sieht nicht aus wie Marlene. Das heißt: Sie ist keine Doppelgängerin. Doch durch ihr Auftreten behauptet sie irritierend glaubhaft, Marlene Dietrich zu sein. "Es sind ihre Augen. Bei der Judy Winter", erklärt der Ehemann, "da weiß man manchmal nicht, ob man Judy Dietrich oder Marlene Winter sagen soll. Bei Irene ist das nicht so. Irene bleibt immer ganz Irene."

Mit ihr sei es wie mit den Elvis-Fans, erklärt Andessner. Die wollen ihr Idol auch nicht imitieren. Wie wollen keine professionellen Double sein, sondern Liebhaber, Dilettanten. Sie bringen durch die äußeren Symbole ihre innere Nähe zum Ausdruck. Sie fühlen sich über den ständigen Umgang mit Kleidung, Frisur, Accessoires in das Innere ihres Vorbildes ein.

Mit einem Foto von Gunter Sachs

Andessner spricht in leichtem Wiener Ton, und wie die meisten Künstler benutzt sie gerne Worte wie "Radikalität" und "Konsequenz". Von der Vermischung von Kunst und Realität, spricht sie. Von der Verschränkung der Ebenen. Von Kollegen, die die Scheidung ihrer Mutter als Kunstwerk inszenieren oder sich mit permanenten Schönheitsoperationen verstümmeln. Kunst ist, was man Kunst nennt, sagt Irene Andessner. Der Betrachter oder der Künstler.

Andessners Kunst, das sind Fotos. Selbstporträts durch die Verkörperung anderer Frauen hindurch, wie die Frauen um Mozart herum, in die sie sich durch umfangreiche Recherchen hieinarbeitet. Künstlerische Inszenierungen, die anschließend das wirkliche Leben passieren müssen. Deshalb die Mühe, ein ganzes Jahr lang leben als Marlene, Auftritte in einer Kölner Travestiebar, die Hochzeit und ein Brautkleid-Shooting mit dem Altplayboy Gunter Sachs. Und warum ausgerechnet der Sachs?

"Weil der die Frauen einfach so wunderbar fotografiert", schwärmt Armin Dietrich.

Auf der Aidsgala hat der engagierte Ehemann den Regierenden Oberbürgermeister Wowereit getroffen und zur Hochzeit eingeladen. Der hat sich das Projekt erklären lassen und dann milde gelächelt. Kunst, meint Arnim Dietrich schulterzuckend, das seien für Wowereit wohl eher Oper und Ballett.

Eine Hochzeit für die Kunst. Als Kunst. Eine Hochzeitsproduktion. Irene Andessner weiß, wie gefährlich ihre Arbeit oberflächlichen Medienevents ähnelt, mit einer Verfallszeit von Tagen, höchstens Wochen. Deshalb gibt sie selten Interviews. Wenn, dann für die Fachpresse. Sie will mit ihren Fotos nicht auf die Strumpfpackung und nicht auf die Titelseite, sagt sie. Nein, sie will ins Museum.

Die Dietrichs. Im wirklichen, wirklichen Leben heiraten, nein, das würden sie nie. Beide nicht. Da ist sie mit ihrem Team verheiratet, dem ganzen Stab von Fotografen, Ausstattern und Visagisten. Und er ist einfach zu sehr sein eigener Herr. "Marlene Dietrich hat es richtig gemacht. Sie hat ihre Ehe auch nur als Schutz benutzt, um sich die aufdringlichen Verehrer vom Hals zu halten." Doch in seiner Rolle kann sich der Ehemann richtig in Begeisterung reden: "Ich heirate die schönste und klügste Frau der Welt." Und mit zärtlichem Blick zur Seite: "Sie ist die feine Wienerin und ich bin der ruppige Berliner". Und auch von ihr kommt in zögernden Worten fast eine Liebeserklärung: "Sympathie war von meiner Seite sofort da. Wie er gekleidet war, wie er sprach. Einfach alles."

Seit gestern sind Irene Maria Dietrich, ehemals Andessner, und Arnim Dietrich ein Ehepaar. Zur Hochzeit schenkte Arnim Dietrich seiner Frau ganz romantisch einen Leierkasten-Mann. Sie trug einen weißen Frack, denn das Kleid vom Shooting mit Sachs war nur aus Papier. Als Trauzeugen standen die Herren Axel Dietrich und Mathias Dietrich bei, zwei weitere Kandidaten aus dem Casting. Die Künstlerin kann ihre Werke jetzt mit der Unterschrift "I.M. Dietrich" signieren. Nach dem formellen Teil im Standesamt Charlottenburg kehrte die Hochzeitsgesellschaft zu einer "Agape", einem wienerischen Liebesmahl, im "Blauen Engel" in Schöneberg ein. Serviert wurde eine kräftige Bouillon, wie sie die Dietrich für ihre Liebhaber kochte.

Zum Ende der Hochzeitsfeierlichkeiten rauschte ein Dreiminutenvideo in Endlosschleife über die Bildschirme. Ein Ausschnitt aus dem Dietrich-Streifen: "The flame of New Orleans". Im Film heiratet Marlene Dietrich, fällt in Ohnmacht, wirft ihr Brautkleid panisch in den Fluss und flieht. Wie die Künstlerbraut Andessner alias Dietrich. Auch wenn sich das Paar mit der Scheidung Zeit lassen will, Irenes Ausstieg aus der Marlene-Rolle hat schon begonnen. In den nächsten Tagen wird sie ihr Haar wieder schwarz färben, die Augenbrauen wachsen lassen und die flachen Schuhe gegen ihre Pumps austauschen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar