Berlin : Ich hab’ noch keinen Koffer in Berlin

Immer weniger Hauptstädter wollen Gastschüler aus den USA aufnehmen. Verein: Viele Berliner geben Irak-Krieg als Grund an

Annette Kögel

West-Berlin stand jahrzehntelang unter dem Schutz der USA, doch inzwischen sind die Hauptstädter mitunter wenig gastfreundlich zu den ehemaligen Alliierten. Es sei immer schwieriger, Gasteltern für Schüler aus den USA zu finden, beklagt das Studienforum Berlin e.V. Die Austauschorganisation blieb mit Anzeigen in Zeitungen erfolglos und hat bei einigen Berlinern eine „mentale Sperre wegen des Irak-Krieges“ festgestellt. „Diesen Eindruck haben wir nach Gesprächen mit Berlinern aus den Ost-Bezirken, aber auch mit Menschen aus dem Südwesten der Stadt gewonnen“, sagt Hanns-Dieter Jacobsen vom Studienforum. „Ach nein, bitte nicht jetzt Leute aus Amerika“, bekamen er und Mitarbeiter oft zu hören. Dabei wollen viele Studenten aus Hawaii und Washington State gern nach Deutschland. Es seien meist Menschen, die dem Krieg ähnlich kritisch gegenüberstanden wie zahlreiche Berliner, sagt Jacobsen.

Die Ablehnung gegenüber den USA können andere Schüleraustausch-Experten so aber nicht bestätigen. „Dieses Argument habe ich noch nie gehört“, sagt Alexander Longolius, Vorstandsvorsitzender der Checkpoint Charlie Stiftung. Die Zurückhaltung sei vielmehr „eine Folge davon, dass der Mittelstand wegbricht“. Auch beim Verein Berliner Austauschschüler (VBA) kann man einen Anti-Amerikanismus unter Berlinern nicht bestätigen. Hier kennt man andere Gründe für die sinkende Zahl von Gasteltern. In Berlin gebe es immer weniger „klassische Familien“, zudem fühlten sich viele Menschen von materiellen Problemen vereinnahmt, sagt VBA-Vorsitzender Torsten Menge. Auch Christine Nauck, die für US-Organisationen Gasteltern sucht, hält Aversionen gegen die Bush-Regierung nicht für maßgeblich: „Die Berliner unterscheiden sehr wohl zwischen politischer und menschlicher Ebene.“ Es hake in der Großstadt eher daran, dass viele zu egoistisch seien – oder zu perfekt sein wollen. Unterm Strich sinke die Zahl der Schüler aus den USA, die nach Berlin wollen, weil Deutschland an Attraktivität verliere, sagt Menge. Dieses Jahr hat sein Verein über 100 Berliner ins Ausland vermittelt – zunehmend nach Osteuropa und Lateinamerika. Doch nur 30 junge Ausländer fanden hier ein Zuhause. Der Gastschüler von Frau Nauck reist indes vorzeitig zurück in die Staaten: Sein Vater wird wegen der Lage im Irak in die Army eingezogen.

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