Berlin : „Ich habe danach zweimal geweint“

Vor 20 Jahren sprang Stefan Fabricius in einen See – und brach sich das Rückgrat. Seit dem Badeunfall ist er querschnittsgelähmt. Jetzt will das Unfallkrankenhaus Marzahn mit einem Kinospot vor dem Sprung ins Ungewisse warnen

Ingo Bach

Aufgedreht springt er am Steilufer des Sees herum. „Ich kann alles erreichen“, schreit der junge Mann. „Und wenn’s mal nicht klappt, stehe ich wieder auf.“ Von einem Ast springt er kopfüber ins Wasser, den Stein unter der Oberfläche sieht er nicht. Man sieht den Aufprall nicht, aber das Geräusch der brechenden Halswirbel geht dem Zuschauer durch Mark und Bein. In Dolby-Surround. Denn das hier ist ein Werbefilm. Die Macher des 30-Sekunden-Spots, der derzeit vor dem Hauptfilm im Imax-Kino am Potsdamer Platz läuft, wollen schockieren. Damit niemand mehr seinen Hals riskiert, wenn er ins flache Wasser springt.

Der Preis des unbedachten Sprungs kann hoch sein. Wenn 70 Kilogramm Körpergewicht ungebremst auf den Boden oder einen Stein knallen, dann brechen Halswirbel wie Styroporplatten. Und durchtrennen das Rückenmark, oft in Höhe des fünften Halswirbels. Das Gehirn ist nicht mehr Herr des Körpers – und der Mensch gelähmt.

„Die nach vorne gestreckten Hände helfen nicht“, sagt Walter Schaffartzik, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie am Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) in Marzahn. „Die knicken einfach zur Seite, weil man den Aufprall ja nicht erwartet.“ Im vergangenen Jahr habe man im UKB acht junge Menschen behandeln müssen, die sich durch einen Sprung ins Wasser das Rückgrat schwer verletzten, sagt Schaffartzik. Alle verunglückten binnen zweier Wochen, der jüngste von ihnen war 15 Jahre, der älteste 29 Jahre alt. Bis zu ihrem Lebensende werden sie nun im Rollstuhl sitzen. Hoffnung auf Heilung bestehe nicht, sagen Ärzte.

„Uns war damals klar, wir müssen was tun“, sagt Schaffartzik. Die Mediziner kamen auf die Idee, einen kurzen Film zu machen, fürs Kino oder Fernsehen. Und sie fanden eine professionelle Werbeagentur, die Kreuzberger Agentur „Heimat“, die sich des Projektes annahm. Bald soll der Spot in vielen Berliner Kinos laufen. Und auch das Fernsehen habe schon angefragt, sagt Schaffartzik.

Dem Schauspieler in dem Film ist natürlich nichts passiert. Nach den Dreharbeiten konnte er aus dem Rollstuhl aufstehen – bereit für Neues in seinem Leben. Stefan Fabricius kann das nicht. Der 35-Jährige aus dem brandenburgischen Ludwigsfelde ist seit 20 Jahren querschnittsgelähmt, von den Schultern abwärts: keine Bewegungsmöglichkeit, kein Gefühl mehr. Nur die Arme gehorchen ihm noch – durch einen chirurgischen Trick. Denn eigentlich kann er nur noch seine Schultermuskeln bewusst steuern. Die Ärzte des Unfallkrankenhauses haben ihm Muskelstränge aus dem Unterschenkel entnommen und so den bewegungsunfähigen Trizeps, also den Streckmuskel am Oberarm, überbrückt und an die Schultermuskulatur angeschlossen. Jetzt kann Stefan Fabricius seine Arme strecken und sich auch mal aus dem Rollstuhl etwas hochheben und seine Sitzposition verändern. Das ist wichtig, weil ohne diese kurzen Entlastungen Druckgeschwüre an der schlecht durchbluteten Haut entstehen können. Und Fabricius würde nicht mal merken, wie sein Fleisch verfault.

Jetzt haben ihm die Ärzte wieder ein Stück Normalität geschenkt: Sie pflanzten Fabricius eine Platte in die rechte Hand. Sie soll dazu führen, dass der Daumen fester auf den Zeigefinger pressen kann. „Endlich mal selber eine Zeitung oder Tasse halten“, sagt Fabricius.

Sind es diese kleinen Erfolge im Kampf gegen die Behinderung, die ihn so zufrieden wirken lassen? Stefan Fabricius grinst breit, als wir uns zu ihm setzen. Über den fast kahlrasierten Schädel zieht sich ein Irokesenschnitt – mit rot gefärbtem Streifen und langem Zopf. „Den Zopf haben mir die Schwestern geflochten, aber den Kopf rasieren, das kann ich allein“, sagt er stolz. Er ist sehnig dünn und wirkt fast ein wenig zappelig in seinem Rollstuhl, zeigt, wie gut er sich bewegen kann. Doch es gibt Grenzen. Beugte er sich zu weit nach vorne oder hätte er keine Seitenlehnen, er fiele einfach um.

1985 geschah es, einen Tag vor seinem 15. Geburtstag. „Mit einem Kumpel und meinem Bruder sind wir in ein Freibad am Rangsdorfer See gefahren“, erzählt Fabricius. „Meine Mutter hatte uns verboten, an eine wilde Badestelle am nächsten Baggersee zu fahren. Könnte zuviel passieren, meinte sie.“ Stefan rannte auf den Steg, der weit in den See hineinführte, und sprang kopfüber hinein. Zu steil. Fast senkrecht knallte er mit dem Kopf auf den Grund – und war augenblicklich gelähmt. „Ein Gefühl, als schlägt einem jemand mit dem Hammer vor den Schädel, als durchfährt einen ein Stromschlag“, sagt Stefan Fabricius. Aber Schmerzen habe er nicht gespürt. Dafür kämpfte er um sein Leben. Er trudelte an die Oberfläche, mit dem Gesicht nach unten. Drehen, das ging nicht mehr. Er wäre ertrunken, hätte ihn sein ein Jahr jüngerer Bruder nicht da rausgeholt.

Zweimal habe er nach dem Unfall geweint, sagt er. Das erste Mal, als drei Tage später im Krankenhaus eine Oberärztin kurz den Kopf durch die Tür steckte und sagte: „Sie werden nie wieder laufen können.“ Und das zweite Mal, weil er Angst hatte, seine damalige Freundin würde ihn verlassen. Sie tat es nicht.

Aber trotz der Verzweiflung: An Selbstmord habe er nie gedacht, sagt Stefan Fabricius und blinzelt in die Sonne. Dabei seien solche Gedanken eine durchaus häufige Reaktion in der ersten Zeit nach der Diagnose, sagt Andreas Niedeggen, Chefarzt des Zentrums für Rückenmarksverletzte am UKB, wo jährlich rund 470 Querschnittsgelähmte therapiert werden. Hunderten Patienten habe er in den vergangenen zwölf Jahren schon diese niederschmetternde Nachricht mitteilen müssen, sagt der Mediziner. Viele durchlebten dann eine Phase, in der sie wünschen, ihr Leben würde enden. Und viel Hoffnung auf eine deutliche Besserung ihre Zustandes, ja vielleicht auf Heilung kann und will Niedeggen den Patienten nicht machen. „Das wäre nicht seriös.“ Es gebe zwar einige Versuche mit Mäusen, in denen es gelungen sei, verletztes Rückenmarksgewebe nachwachsen zu lassen. „Aber das bringt nicht viel. Das zerstörte Rückenmark bildet Narben, wo die neuen Nerven nicht heineinwachsen können.“

Doch Hoffnung auf ein lebenswertes Leben, ja die gebe es. „Mobilität, Arbeitsfähigkeit – das können wir vielen unserer Patienten mit chirurgischen und technischen Hilfen geben“, sagt Niedeggen. „Es gibt sogar Querschnittsgelähmte, die Kinder zeugten und ein zufriedenes Leben führen.“ Aber der Rollstuhl, der bleibt bis zum Lebensende ein Begleiter.

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