• "Ich habe die Nerven verloren" - Betonbauer erschoss seine frühere Freundin und eine Arzthelferin

Berlin : "Ich habe die Nerven verloren" - Betonbauer erschoss seine frühere Freundin und eine Arzthelferin

Michael Brunner

Der Angeklagte ist verstört. Er lauert wie ein gehetztes Tier in dem großen Glaskasten, der die Anklagebank im Gerichtssaal 700 umgibt. Draußen im Gang des Kriminalgerichts Moabit drängen sich fünf Kamerateams und mehrere Fotografen. Montagmorgen, wenige Minuten nach neun. Die Tür geht auf, ein paar Kameramänner kommen in den Saal, um ihre üblichen Schwenks zu filmen. "Nee, so geht das nicht", ruft eine Justizwachtmeisterin und schubst die Fernsehleute aus dem Saal. Der Mordprozess gegen Hartmut N., 53 Jahre alt, von Beruf Kraftfahrer und Betonbauer, beginnt mit viel Aufregung. Es liegt das am Anlass. Der bleiche Mann mit den eisgrauen Haaren hat am 26. August 1999 in einer neurologischen Arztpraxis an der Pappelallee in Prenzlauer Berg zwei Frauen erschossen: Seine ehemalige Freundin und eine Arzthelferin.

Der Angeklagte hat sich vor den Kameras in den hintersten Winkel seines Glaskastens geflüchtet. Im letzten Sommer war sein Bild auf den Titelseiten der Boulevardzeitungen. Dort will er auf keinen Fall noch einmal hin. In einem vorläufigen Gutachten des Gerichtspsychiaters Hans Ludwig Kröber steht sinngemäß, dass sich der Angeklagte vor der Tat gedanklich mit dem möglichen Verhalten des Opfers auseinandergesetzt hat. Damit ist gemeint, der Beschuldigte sei mit einem fertigen Plan in die Praxis gekommen. Doch der Mann, dem die Staatsanwälte in der Anklageschrift niedrige Beweggründe vorhalten, bestreitet das. "Ich habe es nicht geplant", sagt er und spricht von den seelischen Qualen, die ihm die Erinnerung an die Tat bereite. Er entschuldigt sich bei den Familien seiner beider Opfer, spricht von "Ekel über sich" und "bereut von Herzen, dass er "zwei Leben ausgelöscht" hat. "Ich habe die Nerven verloren", sagt er.

Mit der Nachsicht der Angehörigen darf der Angeklagte erst einmal nicht rechnen. Wie mehrere Zeugen schildern, ist er an dem Sommertag im vergangenen Jahr mit einer russischen Armeepistole vom Typ Makarow, Kaliber 9 Millimeter, in der Arztpraxis aufgetaucht. Nach einem Streit mit seiner ehemaligen Freundin hat er sie mit mehreren Schüssen getötet. Auf eine Arzthelferin, die sich ihm mutig entgegenstellte, hat er drei Schüsse aus der großkalibrigen Handfeuerwaffe abgefeuert. Insgesamt hat er zehnmal abgedrückt. Beide Frauen sind noch in der Arztpraxis gestorben. Sie haben Kinder hinterlassen: Die ehemalige Freundin einen neunjährigen Sohn, die Arzthelferin zwei Kinder im Alter von 19 und 16 Jahren. Eine Zeugin erinnert sich an die Cleverness des Todesschützen. "Zwei Männer von der Straße kamen zum Helfen rein, da gab er sich als Arzt aus", sagt sie und spricht von einem lautstarken Streit vor den Schüssen.

Dem Streit zwischen dem Angeklagten und seiner früheren Freundin ging eine gemeinsame Geschichte voraus. Man kannte sich aus Dresden. Hartmut N. flüchtete in den Westen, in den 80er Jahren folgte die inzwischen verheiratete Freundin und die Beziehung lebte wieder auf. Dass sich die Freundin schließlich von ihm trennte und nicht mehr ans Telefon ging, hat Hartmut N. offenbar nicht verwunden.

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