Berlin : "Ich habe keine Schmerzgrenze"

Herr Stölzl[die Berliner Hochschulen fü]

Berlins Senator für Wissenschaft und Kultur über knappe Etats, Studiengebühren und überlaufene Informatik-Studiengänge

Christoph Stölzl (56) wurde am 13. April dieses Jahres in Berlin zum neuen Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur gewählt. Der promovierte Historiker war von 1987 an Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums. Zuletzt war er Feuilleton-Chef bei der Tageszeitung "Die Welt".

Herr Stölzl, die Berliner Hochschulen führen zum kommenden Wintersemester einen Numerus clausus für Informatik-Studiengänge ein - trotz des Fachkräftemangels in der Branche. Wie wollen Sie darauf reagieren?

Die Informatik-Studiengänge haben lange die Last einer steigenden Nachfrage getragen und jetzt die Notbremse gezogen. Ich kann das gut verstehen. Mitte der neunziger Jahre hat die Industrie noch geraten, die Fächer dichtzumachen. Ich appelliere an die Wirtschaft, das Studium der Informationstechnik zu unterstützen. In den nächsten Tagen werden wir uns zu einem Runden Tisch zusammensetzen, um mit einer konzertierten Aktion auf den Mangel zu reagieren und das Interesse an einer praktischen Ausbildung zu befriedigen. Da ist auch die Wirtschaft gefragt.

Herr Diepgen hat Sie schon öffentlich gemahnt, die Einschränkungen zu überdenken. Haben Sie keine Angst, dass Sie der Regierende Bürgermeister zum neuen Buhmann macht?

Die Universitäten handeln autonom. Sie sind verantwortlich für die Qualität eines Informatik-Studiums, das nicht unter dem Wunsch nach einer raschen, praxisnahen Ausbildung leiden darf. Und die Studierenden, die in Berlin keinen Platz finden, müssen sich eben woanders umschauen. Es gibt für diese Mangelsituation keinen Masterplan, mit dem alles auf einmal gerettet werden kann. Das sieht Herr Diepgen auch so.

Sind die Hochschulen nicht zu unbeweglich, wenn es darum geht, einen aktuellen Bedarf an Fachkräften auszubilden?

Nun, es gibt jetzt konkrete Anstrengungen, kurze Studiengänge mit einem Bachelor-Abschluss einzuführen und daneben Master-Studiengänge für die Besten und die Forschung zu etablieren. Dies zeugt doch von hoher Flexibilität der Universitäten. Die Hochschulen können nicht wegen einer plötzlich explodierenden Nachfrage in einem Wintersemester aus dem Nichts heraus neue Planstellen schaffen. Hier muss dann auch die Wirtschaft, die neue Kapazitäten fordert, einspringen.

oder die Studenten, die Studiengebühren zahlen sollen - jedenfalls ab dem 13. Semester.

Ich will nicht leugnen, dass ich ein Anhänger des angelsächsichen Philosophie bin, die auf dem Prinzip "Leistung gegen Leistung" beruht. Auf diese Weise könnten sich die Universitäten Fonds schaffen, um rascher auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren. Einem Staatsvertrag, der Studierenden ein gebührenfreies Erststudium garantiert, werden wir natürlich zustimmen.

Könnten die Hochschulen nicht noch mehr Mittel durch Kooperationen einsparen? Die Vorsitzende des Wissenschaftsausschusses, Annette Fugmann-Heesing, träumt sogar von einer gemeinsamen Berliner Hochschule. Finden Sie das erstrebenswert?

Die Empfehlungen des Wissenschaftsrats weisen nicht in diese Richtung. Die Gutachter haben festgestellt, dass Berlin 85 000 Studienplätze braucht. Und machen wir uns nichts vor: Das ist ja nur die Unterkante! Ein gemeinsames Dach eines "Berlin University System" kann angesichts der Geschichte Berlins und der europäischen Universitäten vielleicht ein Ziel in ferner Zukunft sein. Es wird aber in Berlin immer die Standorte Humboldt-Universität, Technische Universität und die Freie Universität in Dahlem geben.

Befürworten Sie mehr Wettbewerb oder mehr Kooperation?

Beides gehört zusammen. Nur der Wettbewerb kann unsere Hochschulen beleben - aber im Wettbewerb Berlins europa- und weltweit. Es sollte deshalb viel mehr Forschungsverbunde geben, Kooperationen über die Hochschulgrenzen hinweg. Alle, die das Privileg haben, an einer Universität zu arbeiten, müssen sich da einbringen.

Dazu braucht es aber die nötigen finanziellen Rahmenbedingungen ...

Die Rahmenbedingungen werden vorgegeben von der Leistungskraft des Landes Berlin und des Bundes. Natürlich können sich auch Stiftungen noch stärker einbringen. Nach oben gibt es bei der Forschungsförderung keine Grenze.

aber nach unten.

Wir müssen mit den anderen Ressorts um das Geld streiten. Im Gesamthaushalt konkurrieren Wissenschaft und Forschung nicht mit der Kultur, sondern etwa mit Naturschutz, Straßenbau oder sozialen Ausgaben. Da müssen wir analysieren, wie viel Mittel die Wissenschaftslandschaft für ihre internationale Konkurrenzfähigkeit benötigt und dann energisch in die Verhandlungen gehen.

Für den Hochschulbau müssten jährlich 250 Millionen Mark aufgewendet werden, sagt der Wissenschaftsrat. Der Senat hatte ursprünglich 191 Millionen eingeplant. Nun jedoch sollen noch einmal 63 Millionen Mark eingespart werden. Droht da nicht der Baustopp bei den sanierungsbedürftigen Hochschulen?

Wir versuchen, die Mittel umzuschichten. Herr Strieder hat versprochen, dass es trotz der Umwidmungen im Haushalt keinen Baustopp auf den Baustellen der Berliner Universitäten geben wird, weder in Adlershof noch anderswo. Die Kräne werden nicht stillstehen, das kann ich Ihnen versichern. Dass der Wissenschaftsrat eine höhere Summe fordert, ist natürlich legitim. Alles Schöne kann man sich immer noch schöner vorstellen.

Sie müssen noch mehr sparen, wenn die erste Stufe der Steuerreform zum Tragen kommt und die Pensionslasten der Universitäten im Westteil Berlins im Umfang von 23 Millionen Mark auf Sie zukommen. Woher wollen Sie das Geld nehmen?

Die Haushaltsverhandlungen sind die Stunde der Wahrheit. Wir werden die Notwendigkeit deutlich herausstreichen, im Interesse der Zukunft Berlins in die Wissenschaft zu investieren. Es kommt auf unsere Überzeugungskraft gegenüber den politisch Verantwortlichen an. Wenn dann der Volkssouverän im Parlament anders entscheidet, muss er dafür auch gerade stehen.

Ihre Vorgängerin, Christa Thoben, hat wegen der Sparzwänge nach vier Monaten das Handtuch geworfen. Wo liegt eigentlich Ihre Schmerzgrenze?

Politik ist die Kunst des Möglichen. Ich bin nicht wehleidig, habe also keine Schmerzgrenze. Das Gespräch führten Hartmut Wewetzer und Robert Ide.

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