Berlin : „Ich habe mich in vielen getäuscht“

Kardinal Sterzinsky vertraut Gott, weniger aber seinen Mitmenschen

Claudia Keller

Zweimal ist Kardinal Georg Sterzinsky von der Schule geflogen. Einmal, weil er nicht in die FDJ, die Jugendorganisation der DDR, eintreten wollte, ein anderes Mal, weil er sich nicht an einer Kampagne gegen die Junge Gemeinde beteiligte. Jedes Mal holte ihn der Schuldirektor dann wieder zurück. „Wie sollte ich da nicht glauben, dass Gott immer größer ist?“, sagte der Kardinal am Sonntagvormittag in der Katholischen Akademie und lachte. „Gott ist immer größer“ hat er zu seinem Bischofsmotto gewählt.

Andrea Fischer, die frühere Gesundheitsministerin, hatte den obersten Berliner Katholiken zu einer Matinee eingeladen, um ihn zu seinem Gottvertrauen zu befragen. Damit kennt sie sich nämlich aus. Wie Sterzinsky hatte sie streng katholische Eltern, trat aber mit 30 Jahren aus der Kirche aus. Auf Umwegen fand sie zehn Jahre später wieder zurück und sagt heute: „Ich habe gemerkt, dass die Werte, für die ich politisch kämpfe, die sind, die mir meine katholischen Eltern vermittelt haben.“

Sterzinsky kam im schwarzen Anzug mit Römerkragen und plauderte entspannt. Er lehnte sich im Sessel zurück und klappte immer wieder seine Finger auf und zu, wie einen Fächer. Der Kardinal erzählte sehr offen von seinen Eltern, die ihm ein stabiles Gottvertrauen mitgegeben haben. Allerdings hätten ihn durchaus zuweilen Glaubenszweifel geplagt. Zum Beispiel habe er sich als Schüler gefragt, ob das, was der Religionslehrer erzählt, tatsächlich stimme. Wenn in solchen Momenten Schicksalsschläge dazugekommen wären, hätte er sein Gottvertrauen verlieren können. „Aber das lief nie synchron.“

Zunächst locker blieb Sterzinsky selbst dann, als er auf die Bistumskrise angesprochen wurde. Unverblümt gab er zu, dass das Bistum im vergangenen Jahr „sehr ungeschickt“ mit der Krise umgegangen sei. „Wir haben den Leuten das Sanierungskonzept wie einen nassen Lappen um die Ohren gehauen.“ Man habe gelernt und gehe jetzt sensibler vor. Die Frage, die den Kirchenführer dann doch aus der Ruhe brachte, war ausgerechnet die nach seinem Vertrauen zu Menschen. Denn das, so stellte sich heraus, ist nicht groß. „Es gibt viele Menschen, in denen ich mich getäuscht habe.“ Es gebe so viele unvorhersehbare Entwicklungen, die es ihm schwer machen würden, Vertrauen zu entwickeln.

„Hat sich Sterzinsky mal gefragt, ob wir von ihm enttäuscht sind?“, sagte eine Frau später und schüttelte den Kopf. Da war der Kardinal schon in der Messe verschwunden. Auf den Gängen der Akademie wunderten sich etliche über die Kluft zwischen des Kardinals Gottvertrauen und seinem mangelnden Zutrauen in Menschen. Womöglich traue er den Gemeinden gar nicht zu, aus der Krise herauszufinden.

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