Berlin : "Ich habe nichts gegen Moral"

Herr Droste[haben Sie heute schon was zu lachen g]

Humor ist, wenn man trotzdem ernst bleibt - ein Gespräch über Satiriker, Insekten und Politiker

Wiglaf Droste, 38, ist einer der scharfzüngigsten Wortarbeiter der Republik. Zuletzt veröffentlichte der ehemalige taz-Redakteur den Sammelband "Bombardiert Belgien!" (Edition Tiamat). Auf der Bühne ist Droste allmonatlich beim Benno Ohnesorg-Theater in der Volksbühne zu erleben, einem satirischen Lese- und Liederabend. Am Dienstag (21 Uhr) hat er dort die Jazzmusiker Uschi Brüning und Ernst-Ludwig Petrowsky zu Gast. Das Gespräch führte Christian Schröder.

Herr Droste, haben Sie heute schon was zu lachen gehabt?

Ich habe heute morgen ein Paket bekommen, ein so genanntes Survival Kit: ein Kompass, ein Klappspaten, mehrere Dosen mit Energiegetränken sowie ein "Survival-Lexikon" von Rüdiger Nehberg, und das Ganze in einem Thermorucksack. Ich weiß nicht, von wem das kommt, ich brauch solche Sachen eigentlich auch nicht. Vor allem kein Buch von Rüdiger Nehberg.

Vielleicht haben Sie ja einen unbekannten Gönner.

Könnte sein. Aber das Überleben als Beruf ist nicht meine Welt. Von Herrn Nehberg weiß ich nur, dass er Insekten isst. Kulinarisch ist das nicht sehr attraktiv.

Bei Ihren Lesungen können sich die Zuhörer vor Lachen kaum auf den Stühlen halten, während Sie selber keine Miene verziehen. Man könnte Sie für einen humorlosen Menschen halten.

Mir ist es sehr unangenehm, wenn ich auf einer Bühne Menschen sehe, die ständig ihre Zähne fletschen und zeigen: Hier wird es jetzt komisch! Mit dem Publikum soll man nicht fraternisieren. Leute, die ihren Zuhörern vormachen, wie sie reagieren sollen, gibt es genug.

Ist Humor für Sie eine ernste Angelegenheit?

Humor ist eine Haltung zur Welt, die unter anderem darin besteht, dass man Figuren, die fürchterlich ernst genommen werden wollen, das nicht ohne Prüfung durchgehen lässt. Lachen hat viel mit Respektlosigkeit zu tun. Viel auch mit Einsicht in sich selber und den Lauf der Welt. Was ich nur empfehlen kann: Einmal im Jahr "Tobias Knopp" von Wilhelm Busch lesen, die Odyssee eines peinlichen Mannes, der unbedingt auf seine alten Tage noch heiraten will und das ganze Land nach der richtigen Frau absucht. Da gibt es wunderbare Reime: "Wie erschrak die Gouvernante / als sie die Gefahr erkannte." Oder: "Schwierig aus verschiedenen Gründen / ist das Schlüsselloch zu finden." Busch ist vorgeworfen worden, sein Humor sei nur billiger Hohn und ginge auf Kosten anderer. Das geht Humor aber nun immer.

Die Leute, die zum Benno Ohnesorg-Theater kommen, sollen also nicht nur lachen, sondern auch klüger nach Hause gehen?

Das wäre wunderbar. Als Michael Stein und ich 1991 mit dem Ohnesorg-Theater begannen, war die Idee, eine Art Live-Zeitung zu machen. Ganz aktuell zu sein, politisch zu sein, eben Abendunterhaltung für Erwachsene zu machen. Und es ging darum, Leuten, die wir gut finden, ein Podium zu bieten. Dabei ist es geblieben. Ich bin Gastgeber, nehme mich zurück und rolle jemandem den Teppich aus. Wenn dann Eckhard Henscheid, F.W. Bernstein, Fanny Müller, Simone Borowiak oder Carola Rönneburg kommen, sind das Abende, die es in dieser Form nicht wieder geben wird.

Sie gelten als "Verbalterrorist" (Spiegel) und "satirischer Amokläufer" (SZ). Schreiben Sie Ihre Texte mit Wut im Bauch?

Die öffentliche Etikettierung und das, was man tatsächlich macht, haben in den seltensten Fällen viel miteinander zu tun. Aber es gibt Texte, hinter denen eine große Wut steckt. Es gibt empörende Dinge, mit denen man lässig umgehen kann, manchmal geht das aber nicht. Das ist die Florettlüge. Nur weil man es so oft hört, wird es ja nicht wahrer: Ja, Tucholsky, immer mit dem Florett! Der Mann war partiell unfassbar grob. Der hat Leute persönlich angegriffen und wüstet Weise beschimpft. Es wäre ja auch idiotisch, zu einer Schießerei zu gehen und dann ein Florett zu ziehen.

Sie attackieren mit Vorliebe Zeitgenossen, die die Moral für sich gepachtet zu haben glauben. Dabei argumentieren Sie selber aus einer Gesinnung heraus, zum Beispiel einer pazifistischen. Sind Sie ein heimlicher Moralist?

Gar nicht heimlich. Ich habe nichts gegen Moral. Aber ich habe alles gegen Moral von der Stange. Diese Gratismoral, die sich Leutte umhängen und dann so tun, als hätten sie gerade mit Buddha gefrühstückt, entzieht allen Debatten den Rest von Verstand, der vielleicht noch in ihnen steckt. Wenn es nur noch darum geht, wer sind hier die Guten, banalisiert man jeden Stoff. Aufklärung entsteht ja nicht, mit einer schrecklichen Phrase gesagt, "aus dem Bauch raus", sondern ist eine verstandesmäßige Angelegenheit. Kants kategorischer Imperativ ist nicht falsch, nur weil sich keiner dran hält.

Joschka Fischer nennen Sie einen "Feldherrn", seine Rivalin Jutta Ditfurth eine "Gesinnungspolizistin". Sind Ihnen die Gegner am liebsten, denen Sie einmal nahe standen?

Die standen mir beide niemals nahe.

Aber Sie kommen aus demselben links-alternativen Mileu.

Ich komme auch nicht aus deren Milieu. Ich war nie Taxifahrer und nie Mitglied der grünen Partei. Fischer und Ditfurth sind mir allerdings auf eine sehr ähnliche Weise unangenehm, nur dass Ditfurth ihre Auseinandersetzung mit Fischer bei der Frankfurter Grünen vor vielen Jahren verloren hat. Da begann Fischers Karriere. Man hätte sich aber auch nicht wünschen wollen, es wäre umgekehrt gekommen. Im Fall Ditfurth ging es zuletzt darum, dass sie ihre Abrechnung mit den Grünen in der "Neuen Revue" veröffentlicht hat. Am besten haben mir die Fotos gefallen. Ditfurth hat sich mit einem Hammer in der Hand fotografieren lassen, und darunter stand: "Schreiben ist harte Arbeit, hammerhart." Die gilt manchen Leuten als links, kreiselt aber nur um die eigene Person. Die reine Egomanie, genau wie bei Fischer. Auch Fischer hat mir im letzten Jahr viel Freude gemacht. Am schönsten war seine Hochzeit. Er wurde von Paparazzi belästigt, hat aber nicht gesagt: "Verschwindet, oder ich hol die NATO!"

Fischer hat sich vor eine Fernsehkamera gestellt und gesagt, man solle doch mal an Lady Diana Spencer denken. Der hat sich als Außenminister mit Lady Di verglichen! Da hat eine öffentliche Selbsthinrichtung stattgefunden.

Sie machen Witze über die Behinderung von Wolfgang Schäuble und über Kinderschänder in Belgien. Gibt es für Sie keine Geschmacksgrenzen?

Klar gibt es die.

Und wo liegen sie?

Das kommt immer auf den Einzelfall an. Der Fall Schäuble ist schon lange her, vor acht Jahren habe ich mal geschrieben: "Machen Sie sich keine Umstände, Herr Schäuble, bleiben Sie sitzen!" Und Witze über Kinderschänder in Belgien habe ich nie gemacht. Das war eine Geschichte, die ich während des Kosovo-Kriegs für die taz-Reihe "Nato, übernehmen Sie!" geschrieben habe. Das richtete sich gegen diese plötzlich selbstverständliche Haltung, dass man alles, was einem nicht passt, bombardieren dürfe. Warum dann nicht Belgien auch bombardieren, ein Land wo es nur noch Skandale gibt, von Coca Cola über Dioxin bis zu Dutroux. Vor diesem Hintergrund war die übrigens voll beabsichtigte Geschmacklosigkeit, gemessen an der Geschmacklosigkeit des Anlasses, eine eher kleine.

Das Benno Ohnesorg-Theater endet hin und wieder damit, dass Sie mit Ihren Gästen singen. Wären Sie gerne Rockstar geworden?

Rockstar auf keinen Fall. Der Rockismus ist gottseidank tot, auch wenn es immer noch Männer in Lederhosen gibt, die eine Gitarre umklammern und sich auf der Bühne das Hemd ausziehen. Popstar klingt schon besser. Van Morrison ist ein Popstar. Der ist fett, ihm gehen die Haare aus, und wenn er anfängt, ein Lied zu singen, ist er der schönste Mann auf der Welt. Beim Singen geht es schlicht darum, dass Musik vielleicht die beste Flucht aus der Wirklichkeit bietet.

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