• „Ich kann mir auch nicht erklären, wo die Kinder sind“ Hannah und Ibrahim sind seit Jahren verschwunden. Ihr ägyptischer Vater steht vor Gericht

Berlin : „Ich kann mir auch nicht erklären, wo die Kinder sind“ Hannah und Ibrahim sind seit Jahren verschwunden. Ihr ägyptischer Vater steht vor Gericht

Katja Füchsel

Die Sätze ihres Ex-Mannes sprengen Helen S. praktisch aus dem Sitz. Die blonde Frau stürzt aus dem Gerichtssaal, presst sich eine Hand vor den Mund. Gerade eben ist ihre größte Hoffnung zerplatzt. Der Wunsch, dass ihr Ex-Mann Mahmoud A. zur Vernunft kommen möge. Dass ihn die Untersuchungshaft oder der Prozess zermürben. Und er ihre beiden Kinder freigibt, Hannah und Ibrahim. Im Amtsgericht Tiergarten sagt Mahmoud A. aber nur: „Ich habe die Kinder nicht in Empfang genommen. Ich bin alleine nach Ägypten geflogen.“

Fast vier Jahre ist das nun her. Helen S. hat ihre Kinder – damals fünf und zwei Jahre alt – seit diesem Tag nicht mehr gesehen: Der 40-jährige Vater soll Hannah und Ibrahim Ende Dezember 2000 in sein Heimatland Ägypten gebracht und dort versteckt haben. Helen S. (39) vermutet, dass die Geschwister in einem kleinen Dorf bei der Familie oder in Kuweit bei einem Bruder ihres Vaters leben. Gewissheit gibt es nicht. „Ich weiß nicht, wie sie leben, wie es ihnen geht, ob sie gesund sind – nichts“, sagt Helen S.

Mit Hannah und Ibrahim verschwand im Dezember 2000 auch Mahmoud A. Erst als er Anfang des Jahres versuchte, in Bonn Sozialhilfe zu beantragen, griff die Polizei zu. Jetzt drohen ihm wegen Kindesentziehung vier, vielleicht aber auch sechs Jahre Haft. Gestern hat Mahmoud A. am dritten Prozesstag das Wort ergriffen. „Ich bin ein ganz normaler Moslem“, sagt der 40-Jährige und spricht das „a“ in „ganz“ sehr lang. „In keinem Fall extrem.“ Sieben Jahre war er mit Helen S. verheiratet, weil sie „mehr als das Doppelte“ verdiente, habe er sich eben um Kinder und Haushalt gekümmert. Jahrelang ging alles gut, bis seine Frau ihm im Mai 2000 „ohne jede Vorwarnung“ erklärte, sich scheiden lassen zu wollen. Trotzdem sei man sich schnell einig geworden: Die Geschwister sollten nach seiner Version beim Vater bleiben, Helen S. wollte Unterhalt zahlen. „Sie kam mit den Kindern nicht klar.“

Wieder so ein Satz. Helen S. lacht bitter, schüttelt den Kopf, presst die Lippen zusammen. „80 bis 90 Prozent dieser Aussage sind erlogen!“, schimpft ihr Anwalt. Helen S. sagt, dass sie Hannah und Ibrahim das letzte Mal auf dem U-Bahnhof Mehringdamm gesehen hat, als sie an der Hand des Vaters davonspazierten. Zwei Tage später klingelte bei Helen S. das Telefon: „Du bist so dumm zu glauben, dass ich meine Kinder bei einer deutschen Schlampe lasse“, soll ihr Mann gebrüllt haben. Helen S. hat die Polizei eingeschaltet, das Auswärtige Amt, einen Privatdetektiv – doch Hannah und Ibrahim bleiben verschwunden. Mahmoud A. zuckt mit den Achseln: „Ich kann mir auch nicht erklären, wo die Kinder sind.“ Nächsten Mittwoch wird der Prozess fortgesetzt.

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