Berlin : „Ich lasse mir die Haare wachsen – aus Protest“

Ein Gespräch mit Helge Schneider über Glück, den Ernst des Lebens und seinen neuen Film „Jazzclub“, der am Donnerstag in die Kinos kommt

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Der frühe Vogel fängt den Wurm – ist das nicht ein ziemlich einfallsloser Untertitel für einen HelgeSchneider-Film?

Stimmt. Aber der Film heißt ja vor allem „Jazzclub“. Von mir aus bräuchte er gar keinen Titel. Wir haben den Untertitel genommen, weil eine der Figuren im Film das zweimal sagt: Der frühe Vogel fängt den Wurm. Es stimmt ja: Meistens fängt der frühe Vogel den Wurm. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Das ist jetzt die zweite Binsenweisheit.

Es ist die Wahrheit. Ich lasse mir übrigens gerade die Haare wachsen, falls Sie es noch nicht bemerkt haben sollten. Aus Protest.

Ist die Zeit nicht schon einen Moment her, in der ein Mann mit langen Haaren Aufsehen erregen konnte?

Hmmm, vielleicht haben Sie recht. Na ja, aber ich trage ja auch eine gelbe Baseball-Mütze über den Protest-Haaren.

Sie gehen demnächst mit Ihrer Band und einem Programm auf Tour, das „Ich bin Euer Clown“ heißt. In Filmen und Büchern sind Clowns melancholische Menschen. Und auch Ihr Film ist melancholisch. Fängt der frühere Spaßvogel sein Publikum jetzt mit Traurigkeit?

Nein. Auf der Bühne bin ich anders als im Film. Der ist melancholisch und hat autobiographische Züge, das stimmt. Trotzdem kann man über einige Szenen lachen. Es ist nur kein lauter Humor, der aus „Jazzclub“ spricht.

Die Kamera steht lange auf Gesichtern, denen man ihr gelebtes Leben deutlich ansieht…

Wir wollten zeigen, dass wir genug Filmmaterial hatten.

Die Farben machen den Film ernst. Die Bilder sind schmuddelig.

Ja, wir haben viele verwaschene Pastellfarben und eine grünliche Sonne, das war wichtig. Sieht fast schon aus wie in einem Western. Die langen Einstellungen und die Farben sollten das Leben zeigen, wie es ist.

Wie ist es denn?

Schwer. Wir leben in so vielen Zwängen, in einer Zeit der Massenarbeitslosigkeit. Für Leute, die ihren Idealen und ihrer Vorstellung vom Leben folgen, ist es schwer. Aber noch schwerer ist es für solche Leute, die keine Ideale haben.

Warum?

Weil sie nicht diese Glücksmomente haben, mit denen Idealisten dafür belohnt werden, wenn sie etwas erreicht haben. Etwas wovon sie vielleicht schon lange träumen.

Gehört zu vollkommenem Glück, dass man es mit jemandem teilen kann?

Vielleicht.

Dieses Glück hat Teddy, die Hauptfigur Ihres Films nicht. Er ist ein Jazzmusiker. Seine Lebensgefährtin aber kann mit dieser Leidenschaft nichts anfangen…

…aber das ist eine Momentaufnahme. Wenn man Teddy und seine Holde in zwei Jahren sehen würde, dann wären sie vielleicht ein sehr glückliches Paar. Weil sie Geduld miteinander hatten. Und vielleicht auch, weil er inzwischen einsieht, dass er diese Musik nur machen kann, weil sie reagiert, wie sie reagiert. Nur so ist er inspiriert.

Sind das Helge Schneiders Erfahrungen?

Für eine Frau ist es nicht einfach, wenn sie etwas nicht kennt, das ihrem Mann fast alles bedeutet. Klar, dass es Missverständnisse gibt. Das hab’ ich auch erfahren. Man muss die Sicht des anderen verstehen, kann nicht wissen, was der Partner denkt. Ein großer Teil der Gedanken bleibt dem anderen verschlossen. Im Film ist es die Musik. So extrem wie im Film war’s bei mir nie. Teddys Frau will gar nichts von seiner Musik wissen.

Was macht eine gute Beziehung aus?

Dass man sich versteht. Vertrauen. Verständnis für die Sorgen des anderen, auch wenn sie einem selbst fremd sind. Treue.

Kürzlich war in einem Interview mit Ihnen zu lesen, Treue sei Ihnen nicht so wichtig. Welche Version stimmt denn?

Das hab’ ich auch gelesen, dass ich gesagt haben soll, ich sei ein untreuer Partner. Gesagt habe ich das allerdings nicht. Höchstens früher mal. Meine erwachsene Tochter hat das Interview auch gelesen und mich angerufen. „Mensch Papa, was haste denn da angestellt?“ Vor ewigen Zeiten habe ich über Untreue mal in einem Buch geschrieben. Aber wahrscheinlich denken die Leute: Der hat vier Kinder von drei verschiedenen Frauen, der muss doch untreu sein.

Also warten nach Ihren Konzerten auch keine blonden Groupies auf Sie?

Das ist auch so eine Sage. Die Security lässt ja kaum Verwandte oder Freunde hinter die Bühne. Und in den Hotels lungern auch nicht diese hübschen Frauen rum wie früher mal bei den Rolling Stones.

Der Helge Schneider, der hier sitzt, spricht über ernste Filme und das ernste Leben. Ist er derselbe, der „Katzenklo“ gesungen hat?

Ja. Ich bin diese Helges. Und zwar gerne. Es kommt noch vor, dass mir Leute „hey Katzenklo“ hinterher rufen.

Und wie reagieren Sie darauf?

Ich drehe mich um. Ich freue mich, wenn Leute mich erkennen. Es gibt wenige Momente, in denen mir das mal auf den Wecker geht.

Es macht Ihnen also noch Spaß, der „Katzenklo“-Helge zu sein?

Sehr viel sogar. Ich nehme die Leute mit in eine andere Welt: die Welt des Unsinns.

Was sollen sie dort?

Sich befreien von Schubladendenken und Berührungsängsten. Sich vorübergehend von dem Gedanken lösen, dass alles einen Sinn haben muss, damit man es tun oder denken darf. Es kann sehr befreiend sein, sich vorübergehend von Sinn und Sinnhaftigkeit loszusagen. Ich versuche die, Leute zu überraschen, indem ich sie dazu bringe, sich selbst zu überraschen.

Und wer aus der Welt des Unsinns nicht zurückkehren will, der sollte sich besser Helge Schneiders alte Filme ansehen als „Jazzclub“?

Darüber muss ich nochmal nachdenken. Ich möchte aber bitte ausdrücklich betonen, dass ich mit dem Etikett Spaßgesellschaft absolut nix anfangen kann. Das ist mir zu platt.

Weil es ein Modewort ist?

Ein Modewort für eine Modeerscheinung.

Welche Lebenshaltung macht den Unterhaltungskünstler Helge Schneider aus?

Zuversicht. Der Wille, Dinge zu sehen und das Glück, sie sehen zu können.

Wo finden Sie ihre Vorbilder für Ihre Figuren? Auf der Straße?

Die Charaktere sind schon Typen, wie sie einem auf der Straße einer Stadt im Ruhrgebiet begegnen, würde ich sagen. Es sind Ruhrpottcharaktere, aber internationale. Muss ja auch so sein, bei so vielen Nationalitäten, die schon so lange im Ruhrpott leben.

Sind die Menschen tief im Westen so wie Ihr Teddy: Vielarbeiter, die sich ab und zu mal eine kleine Melancholie gestatten?

Ja. Ein bisschen so wie Menschen in Buster-Keaton-Filmen.

Sind alle Deutschen so?

Nein, aber schlecht wäre das nicht.

Das Gespräch führte Marc Neller.

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