Berlin : „Ich liebe diese Stadt“

Loriots Rede im Wortlaut

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„Runde Geburtstage richten den Blick nach hinten statt nach vorn. So wird man zur Gefahr im öffentlichen Verkehr. Gut aufgehoben ist das Jubelkind in der Polsterklasse hochrangiger Opernplätze, im Rund gastlich gedeckter Tische, getragen vom Wohlwollen der Freunde und Weggenossen.

Meine Suche nach brauchbaren Worten des Dankes ist ohne Hoffnung … Seien Sie umarmt!

Aber, wenn von ,aufgehoben’ die Rede ist, fehlt noch EIN Wort, das wie ein Zauber über den 80 Jahren meines Lebens liegt: Berlin. Wenn ich das im Einzelnen begründen könnte, wäre es kein Zauber.

Das Magische muss wohl irgendwo zwischen Hauswänden mit verblassten Reklamen aus der Gründerzeit zu finden sein, hinter den verziegelten S-Bahnbögen, in der Erinnerung an kindliche Gespräche mit Respektspersonen vergangener Generationen, zwischen Reue und Klage über das Verlorene und der mürrischen Akzeptanz des Neuen.

Doch ich beende lieber diese lückenhafte Übersicht, bevor der Absturz ins Sentimentale nicht mehr aufzuhalten ist. Sie wissen ohnehin, was ich hier sagen will. Aber mir liegt noch etwas anderes am Herzen: Jüngst gab mir der Regierende Bürgermeister zu bedenken, mein Interesse an der Lösung öffentlicher Probleme sei zwar vielseitig, aber letzten Endes eben doch beschränkt auf Frauen, Fernsehen, Fußball, Wagner und Kosakenzipfel. Er erwarte von mir einen Denkanstoß zum Notfallthema Berlin.

Nun, was lehrt uns die Geschichte …

Schon als 7-jähriger Berliner Grundschüler beeindruckte mich, dass lebenswichtige Erkenntnisse in jedem U-Bahn-Waggon der Reichshauptstadt in werblich gereimter Form zu lesen waren. Ein Beispiel mag genügen. Ich zitiere: So wichtig wie die Braut zur Trauung ist Bullrich-Salz für die Verdauung. Ich meine, mit einem derart geschulten Problembewusstsein finden Bürger und Politiker auch heute gemeinsam den Weg aus der Krise.

Und wenn ich nun abschließend, von allen guten Geistern der Rhetorik verlassen, mit einer leider ernst gemeinten Plattitüde schließe, dann nur wegen des Berliner Kommentars:

,Ich liebe diese Stadt’

,… Na und?’

Ich danke Ihnen.“

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