Berlin : „Ich male, also bin ich“

Für Kurt Mühlenhaupt war der Kreuzberger Kiez lange Zeit die Quelle seiner Kunst Jetzt ist der Maler mit dem roten Hut im Alter von 85 Jahren gestorben

Jens Hinrichsen

Seine Autobiografie hat er nun wohl doch nicht mehr fertig bekommen. Die hatte Kurt Mühlenhaupt auf elf Bände angelegt, so viele Buchstaben enthält schließlich sein Name. Im Museumsshop seines Alterssitzes im brandenburgischen Bergsdorf aber werden bislang nur sieben Teile angeboten, sie reichen bis ins Kreuzberg der späten sechziger Jahre. Damals – das Titelbild beweist es – hatte der Maler schon zu seinem modischen Markenzeichen gefunden: dem berühmten roten Hut.

Ohne ihn ging Kurt Mühlenhaupt, der jetzt, wenige Wochen nach seinem 85. Geburtstag gestorben ist, selten auf die Straße. In einem seiner Bilder wurde die Kopfbedeckung sogar titelstiftend: „Mann mit dem roten Hut“. Das Selbstporträt war einer der Höhepunkte der Ausstellung, die das Käthe-Kollwitz-Museum dem Künstler im Februar zum Jubiläum ausrichtete: den Blick nach vorn gerichtet, nicht ohne Skepsis. Mit der linken Hand schwingt der Maler einen Pinsel, als würde er sich selbst in die Luft zeichnen: „Ich male, also bin ich.“

Es war ein holpriger Lebensweg, der 1921 in einem Eisenbahnwaggon, irgendwo auf der Strecke von Prag nach Berlin, seinen Anfang nahm. Damit gehörte Mühlenhaupt zu einem Jahrgang, von dem nur jeder Zehnte den Krieg überlebte. Als Fallschirmjäger wurde er schwer verwundet, auch seiner Seele drückten die Kriegsjahre ihren Stempel auf. Nach 1945 bot die Malerei eine Chance, das Kriegstrauma zu verarbeiten. Die vernichtende Kritik seines Lehrers an der Hochschule der Künste, Karl Schmidt-Rottluff – „Sie sind zu grau, können nicht mit Farben umgehen“ – stürzte Mühlenhaupt aber in eine Krise. Er brach das Studium ab, wurde Tierzüchter, den aber schon bald wieder die Kunst lockte. Also machte er als Autodidakt weiter, besann sich auf seinTalent, Menschen aus dem Arbeitermilieu zu porträtieren: Straßenfeger, Handwerker, Putzfrauen, Kellner, Bettler, Dirnen, Hochzeits- und Trauergesellschaften bevölkerten die Gemälde des „Malers von Kreuzberg“, der seine Arbeit so charakterisierte: „Wenn ick dicke Beene male, sind die schön.“

Mühlenhaupt war alles andere als einAkademiemaler, der sich im Atelier verschanzte. Bis 1967 mischte er sich als Wirt der Kreuzberger Künstlerkneipe „Leierkasten“ unters Volk. „Den Menschen gilt die Sympathie des Künstlers“, so sollte ihn der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit später charakterisieren. „Sie sind nie schön, aber auch nie hässlich, sondern vom Leben gezeichnet. Deshalb berühren sie uns.“

Aber Mühlenhaupt überzeugte auch als Bildhauer, der beispielsweise den Feuerwehrbrunnen am Kreuzberger Mariannenplatz schuf, und als passionierter Landschaftsmaler; von seiner Reiselust künden Gemälde und Aquarelle von flüchtiger Eleganz. Bäume, Büsche und Blumen goss der Maler stets über die Leinwand wie einer, der fürchtet, ihm liefe die Zeit fort. Den Traum vom Leben und Arbeiten auf dem Lande erfüllten sich Mühlenhaupt und seine Frau Hannelore, als sie bis 1999 ein heruntergekommenes barockes Schlösschen in Bergsdorf – eine Autostunde nördlich von Berlin – sanierten und in ein Mühlenhaupt-Museum und Kulturzentrum umwandelten.

Die letzten Jahre waren von Krankheit überschattet. Schließlich war Mühlenhaupt fast erblindet. Historische Ereignisse wie die Wiedervereinigung zauberte er (noch 2005) farbenfroh auf die Leinwand. Klar, dass im Umarmungstaumel vorm Brandenburger Tor auch er selbst auftaucht – wie üblich mit Hut.

Eine noch von Mühlenhaupt selbst Ende März eröffnete Ausstellung im Berliner Dom zeigt mit zahlreichen handaquarellierten Zeichnungen und Radierungen unter dem Titel „. . . und dreimal krähte der Hahn!“ die Sicht des Künstlers auf die Passion Jesu (bis 24. Juni, Mo bis Sa von 9 bis 20 Uhr, So von 12 bis 20 Uhr).

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