Berlin : „Ich möchte einfach nur nach vorne schauen“

Anke George verlor ihren Mann durch den Tsunami. Am Mittwoch gedenken Hinterbliebene der Opfer

Annette Kögel

Dem Wasser kann sie nicht entrinnen. Selbst Anke Georges Arbeitsplatz liegt an der Spree. Was andere Menschen eher mit Positivem assoziieren, war für sie der schlimmste Albtraum ihres Lebens. Am 26. Dezember 2004 wurde ihr Ehemann Eberhard vor ihren Augen vom Tsunami in den Tod gerissen.

Längst ist das Seebeben in Südostasien mit 300 000 Toten zu Weihnachten vor drei Jahren wieder heraus aus den Schlagzeilen. Für die 49-jährige Anke George und die anderen Hinterbliebenen der 47 Tsunami-Toten aus Berlin und Brandenburg wird die Katastrophe aber nie vergessen sein. Am zweiten Feiertag gedenkt sie mit anderen Hinterbliebenen an der Berliner Tsunami-Stele auf dem Friedhof der Gemeinde Alt-Tempelhof. Und im Januar reist Anke George erneut zurück an den Ort des Schreckens.

Auf einer der größten Internetseiten zum Seebeben (www.radarheinrich.de) wird ihre Schilderung als eine der eindrücklichsten beschrieben. Anke George konnte sich auf das Dach eines Bungalows in Khao Lak in Thailand retten und überlebte dort schwer verletzt. Sie hat das alles verarbeitet, dank der Selbsthilfegruppe des Pfarrers der Gemeinde Alt-Tempelhof, Jörg Kluge, dank Traumatherapien, Kuren und auch Sport. „Ich denke, ich habe aber am meisten meiner Kämpfernatur zu verdanken“, sagt George. „Und sehr viel gebracht hat mir, im März noch mal mit meiner Tochter fast die ganze Rundreise zu machen wie damals mit meinem Mann.“ Hin zu Hotel und Strand, wo sie im Jahr nach dem Seebeben im Schutt noch ihren ausgeblichenen Schuh entdeckte. Sie trat in den Tempel Wat Yan Yao, wo einst tausende Ausländer aufgebahrt waren zur Identifikation. Sie lief zurück zum Standort ihres Bungalows Nummer 110, wo jetzt einer aus Stein steht mit der 114. Im Januar fliegt sie mit einer Freundin nach Khao Lak. Checkt im Hotel auf einem Hügel ein, im dritten Stock.

Bis heute bekommt George Mails von Betroffenen, Angehörigen, Onlinelesern. In den ersten Jahren fand sie in der Betroffenengruppe „Hoffen bis zuletzt“ Trost – und bemühte sich in einer internationalen Hinterbliebenengemeinschaft um US-Anwalt Ed Fagan, Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen. „Sie hatten damals in Thailand fünf Minuten Zeit, um uns zu warnen – wir hätten es alle bis zur höher gelegenen Straße geschafft – und sie haben es nur wegen der Sorge um den Tourismus nicht getan.“ Das Vorhaben hat sie inzwischen aufgegeben, und auch von Bundespräsident Horst Köhler, mit dem sie während der Gedenkfeier anlässlich des ersten Jahrestags in Alt-Tempelhof sprach, hatte sie sich mehr erhofft.

Dass es in Berlin diese Stele mit 43 Namen von Toten gibt, das ist der Selbsthilfegruppe um Pfarrer Kluge und finanzieller Hilfe des Roten Kreuzes zu verdanken. Staatliche Hilfe gab es keine. In ihrem Internetbericht steht: „Selbst die Namen der Verstorbenen konnten nur ausfindig gemacht werden, nachdem im Auftrag der Gruppe Briefe an Berliner Zeitungen mit der Bitte um Hilfe versandt wurden. Das LKA erklärte sich erst nach Veröffentlichung eines Artikels im ,Tagesspiegel’ bereit, Briefe an die anderen, der Gruppe unbekannten Angehörigen zu versenden. Es gab nur positive Resonanz.“

Albträume hat sie kaum noch. Anke Georges Mann lebt weiter, auf den Fotos in der Wohnung. Beide hatten die Wohnung gerade erst fertig eingerichtet, und solange Anke George dort wohnt, „hat Eberhard weiter ein Plätzchen“. Auch wenn das nicht immer leicht ist für ihren neuen Lebensgefährten. „Eine Therapeutin hat mir mal gesagt, wenn ich irgendwann das Gefühl habe, ich gehe in Gedanken durch ein Warenlager, und da ruhen meine Erlebnisse, in Kartons verpackt in den Regalen, dann habe ich es geschafft.“ Anke George hat ihre Erinnerungen, Fotos und den ausgeblichenen Schuh in eine Kiste verpackt und auf den Schrank gestellt. Sie sagt: „Ich möchte einfach nur vorwärts schauen.“ Annette Kögel

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