Berlin : „Ich möchte nicht mein Nest verlieren“

Britzer Sozialwohnungen gehören zu den ersten, die nicht mehr staatlich gefördert werden. Die Mieter sind nervös

Christian van Lessen

Prächtig war die Stimmung, als die Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft (BBG) ihre Neubauten am Ortolanweg und der Parchimer Allee in Britz vorstellte. Die Wohnungen waren mit viel Glas und Grün entstanden, während des Baus konnten die Mieter über Grundrisse entscheiden oder beim Innenausbau mithelfen. Die Neubauten waren ein Highlight des Sozialen Wohnungsbaus. Jetzt gehören 60 Wohnungen aus der Siedlung zu den ersten von insgesamt 27 000, die der Senat aus der staatlichen „Anschlussförderung“ katapultiert. Das ermöglicht immense Mietsteigerungen von rund 4,50 Euro pro Quadratmeter. Theoretisch könnte die Gesellschaft damit die Mieten mehr als verdoppeln. Die BBG will ihren Mietern das ersparen und dagegen klagen, aber die Mieter sind hochgradig verunsichert. Die Stimmung ist schlecht in der Vorzeigesiedlung.

Olaf Ebersbach gehört zu denen, die sich über ihr Zuhause nicht mehr freuen können. Der 41-Jährige aus der Parchimer Allee 5a wohnt seit vier Jahren hier. Als „kleiner Beamter“ mit Frau und zwei kleinen Kindern brauchte er einen Wohnberechtigungsschein mit Dringlichkeit, um in die Sozialwohnung einzuziehen. Für vier Zimmer zahlt er heute 600 Euro, was kein Pappenstiel ist. Müsste er ab März 500 Euro drauflegen, „kann ich gleich nach Grunewald ziehen“.

Aber umziehen wolle hier keiner, ohnehin wirkten die vom Senat angekündigten Umzugshilfen lächerlich. Die Leute in der Siedlung seien wie eine große Familie, und seine Kinder bekämen einen psychischen Knacks, wenn sie ihre Umgebung verlassen müssten. Ebersbach sieht schwarz für den Berliner Wohnungsmarkt, wenn alle 27 000 betroffenen Haushalte umziehen müssten, weil sie das Geld für ihre Wohnung nicht mehr aufbringen könnten. Am Ortolanweg und der Parchimer Allee stünden dann die Häuser leer. „Hier zieht kein Bonner hin.“

Im selben Haus wohnt der 79-jährige Herbert Zeise mit seiner Frau Marianne. Sie sind Mieter der ersten Stunde. Er hat noch an Wänden mitgemauert, den Wohnungsgrundriss selbst bestimmt. Rund 15 000 Euro hat er investiert. „Wir sind von einer insgesamt 30-jährigen Förderung ausgegangen. Hätte ich gewusst, dass meine preisgünstige Wohnung einmal fast 1000 Euro kosten könnte, hätte ich sie nie genommen.“ Er weiß nicht, wie es weitergehen soll.

Marita Lindner aus dem Nachbarhaus wirft dem Senat „unverschämte Abzocke“ vor. Auch sie wohnt seit Fertigstellung hier. „Wir haben viel reingesteckt. Jetzt zahlen wir für zweieinhalb Zimmer 488 Euro.“ Dass es theoretisch 900 werden könnten, ist unvorstellbar. „Mein Mann ist Frührentner, ich bin gerade arbeitslos geworden.“

Die 74-jährige Ursula Jähner aus der Parchimer Allee 5b „hofft von ganzem Herzen auf eine Lösung, die uns hilft. Ich möchte nicht mein letztes Nest verlieren.“ Sie vertraue auf die BBG. „Ein Auszug kommt nicht mehr in Frage.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben