Berlin : „Ich war immer an der Leine“

Albrecht Broemme hatte bei der Feuerwehr einen 24-Stunden-Job. Jetzt wird er Chef beim THW

Jörn Hasselmann

Das Blaulicht bleibt. Bislang fuhr Albrecht Broemme rote Autos, ab morgen sind es blaue. 30 Jahre war Broemme bei der Feuerwehr, 14 Jahre war er als „Landesbranddirektor“ Chef der größten deutschen Feuerwehr, Herr über 800 rote Autos. Er prägte das Bild seiner Truppe durch unzählige Interviews im Fernsehen, in Zeitungen, immer zu erreichen und immer auskunftsbereit. „Sie können doch nicht weggehen“, begrüßte ihn vor Tagen seine Obstverkäuferin bei Karstadt. Doch Broemme hört auf. Auf die dringende „Bitte“ von Innenminister Wolfgang Schäuble hin soll er kurz vor der WM den Spitzenplatz beim Technischen Hilfswerk (THW) übernehmen, der Zivil- und Katastrophenschutzorganisation des Bundes. Dort hat er über 8000 blaue Autos mit Blaulicht im Einsatz.

„Anstaltsdirektor“ werde er, spötteln manche bei der Feuerwehr. Was ihm daran am meisten zu schaffen macht? Dass die Kollegen ins Schwarze getroffen haben. 14 Jahre lang stand Broemme bei allen Großeinsätzen vornean – und kommandierte. Künftig kann er nur noch zusehen. „Beim THW habe ich keine Verantwortung mehr für Einsätze“, bedauert Broemme, denn die Hilfswerker sind im Inland nur zur Unterstützung da. Das Kommando führt die Feuerwehr. Darüber tröstet sich Broemme jetzt mit der anderen Seite der Medaille hinweg: „Ich gewinne Freiheit.“

14 Jahre lang war Broemme ständig auf dem Sprung, 24 Stunden am Tag. Der 52-Jährige musste immer darauf gefasst sein, dass jemand „Feuer U-Bahn“ meldete und konnte sich nie darauf verlassen, dass die Stadt auch dieses Unglück wieder so glimpflich ohne Tote übersteht. Wenn Broemme am Wochenende die Stadt einmal über Potsdam hinaus verließ, überlegte er ständig, wie lange es dauern würde, wieder nach Berlin zu kommen. „Man war immer an der Leine“, sagt Broemme – und setzt lächelnd hinzu: „Ich rede mir jetzt selbst gut zu.“

Schlimmes hat Broemme erlebt, vom Zugunglück 1993 in Wannsee mit drei Toten, Bränden im Deutschen Dom, der Canisiuskirche, im Jagdschloss Glienicke… Acht Tote gab es beim Feuer in der Ufnaustraße 2005, sieben Tote bei der Detonation in der Lepsiusstraße 1998. Die Explosion am Erdgasspeicher in Charlottenburg bezeichnet Broemme heute als seinen schwierigsten, weil unberechenbarsten Einsatz.

Sein letzter Tag als Feuerwehr-Chef ist der heutige Montag. Am Dienstag wird ihm dann Innenminister Schäuble die Urkunde als THW-Präsident überreichen. Aber am kommenden Sonntag dürfen sich die Obstverkäuferin und alle anderen Berliner offiziell von Broemme verabschieden, beim Tag der offenen Tür in der Zentrale in Charlottenburg-Nord. „Die Rede wird mir nicht leicht fallen“, sagt er. Vielleicht wird sie so enden, wie die kurze Ansprache im internen Kreis, die er nach dem Bekanntwerden des Wechsels hielt. „Ende der Durchsage“, endete Broemme feuerwehrtypisch knapp. Dass er an diesem Tag auch Geburtstag hat, dürfte dabei wohl eher untergehen.

Millionen Kinder wollen Feuerwehrmann, Broemme wollte Spielwarenverkäufer werden. Als 17-Jähriger ging er in seiner Heimatstadt Darmstadt nicht zur Feuerwehr, sondern – zum Technischen Hilfswerk. Das dürfte ihm den Einstieg bei den derzeit 80 000 freiwilligen Helfern erleichtern. Und seit dem Bekanntwerden des Wechsels ist seine Spielzeugautosammlung im Büro bereits auf drei THW-Modelle angewachsen. Das erste, einen Schwerlastkran in THW-blau, hatte er 2003 bekommen, als er in den Beirat für Katastrophenschutz beim Innenministerium berufen worden war. Die roten Modelle überwiegen noch immer deutlich, und zu jedem kann er eine persönliche Geschichte erzählen. Die drei kleinen Holzautos im Wiking-Maßstab zum Beispiel sollen in den 50er Jahren handgeschnitzt worden sein – zum Üben von Einsätzen. Die Modell-Autos bleiben in Berlin, wie auch Broemme. „Mein privater Lebensmittelpunkt bleibt hier“, auch die Wohnung am Botanischen Garten werde er nicht aufgeben. Nach Bonn könne man pendeln, ohnehin sei er als THW-Präsident „bundesweit“ tätig. Und dann sagt er noch, dass er sich als Präsident dieser Bundesbehörde besser Berlin als Dienstsitz vorstellen kann, direkt bei der Regierung, beim Parlament. „Berlin ist eine tolle Stadt.“

Schon 1977 war Broemme nach seinem Elektrotechnik-Studium an die Spree gekommen. Er stieg in die Feuerwehr ein – und immer weiter auf. Als Broemme als Chef ins Gespräch kam, streuten viele Kritiker: Der Broemme kann das nicht. Doch da die Berliner Feuerwehr als „schwierig, groß und anstrengend“ bekannt und der Job ziemlich schlecht bezahlt war, wollte damals keiner – außer Broemme. Es war ein gefundenes Fressen für die Kritiker, als der neue Chef bei einem seiner ersten großen Einsätze den Berliner Dom ansteuerte und nicht den tatsächlich brennenden Deutschen Dom am Gendarmenmarkt. Dass den Fehler eigentlich sein Fahrer machte, hat Broemme aus Fairness nie laut gesagt. Was bleibt? „Die Erfahrung, sich in dieser Stadt behauptet zu haben.“

Sein größtes Glück, das sagt Broemme ganz zum Schluss, sei, dass er in den 14 Jahren nie einen Kameraden zu Grabe tragen musste, der im Dienst gestorben ist – „dafür danke ich Gott“.

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