Berlin : „Ich will jemanden umbringen“: Polizei nimmt Ex-Schüler fest

21-Jähriger stürmte mit Pistole ins Oberstufenzentrum in der Wrangelstraße Verletzt wurde niemand. Das Viertel war stundenlang abgesperrt

Ein bewaffneter Mann, der Drohungen gegen eine Schulklasse ausstieß, hat gestern einen riesigen Polizeieinsatz in Kreuzberg ausgelöst. Dutzende maskierte Beamte durchsuchten fast fünf Stunden lang das Oberstufenzentrum (OSZ) Handel in der Wrangelstraße. Umliegende Straßen, auch die Skalitzer Straße, wurden gesperrt. Gegen 13.30 Uhr beendet die Polizei die Aktion – erfolglos. Um 18.30 Uhr am Abend nahm das SEK dann den 21-jährigen Victor W. unter dringendem Tatverdacht in seiner Wohnung in der Treptower Grabowstraße fest.

Nach bisherigen Erkenntnissen hatte der 21-Jährige um 8.30 Uhr drei Schüler, die vor dem Gebäude rauchten, angesprochen und nach einer bestimmten Klasse gefragt. Die Schüler wussten es nicht und fragten, was er wolle. Als Antwort hörten sie: „Ich will da jemanden umbringen“ – und hob seinen Pullover hoch, unter dem eine Pistole zu sehen war. Daraufhin stürmte der Mann in die Schule. Zeugenaussagen deuteten darauf hin, dass es sich bei dem Täter um einen Russlanddeutschen handelte. Unklar blieb bis zum Abend, ob ein zweiter Mann Viktor W. begleitet hat. Die Hintergründe sind unklar. Dem Vernehmen nach war der 21-Jährige früher Schüler des OSZ und geht jetzt in Marzahn zur Schule.

Die drei Schüler hatten am Vormittag nach der Drohung des Mannes sofort die Schulleitung informiert. Um 8.53 Uhr begann die Maschinerie der Polizei zu laufen – alle verfügbaren Teams des Spezialeinsatzkommandos (SEK), sowie Hundestaffeln und Hundertschaften der Bereitschaftspolizei rückten aus. Über der Schule kreiste der Polizeihubschrauber. Auch ein Dutzend Rettungs- und Notarztwagen stand unter der Hochbahn in der Skalitzer Straße bereit. Die Mordkommission übernahm – wie immer bei sogenannten „Amok-Lagen“ – die Einsatzleitung.

Per Sirene wurden die Schüler um 9.20 Uhr zum Verlassen der Schule aufgefordert, Polizisten scheuchten die Schüler aus den Gängen und der Mensa ins Freie, berichtete eine Schülerin. Danach wurde die Schule Raum für Raum durchsucht, vom Keller bis zum Dach. Unter den Schülern, die an den Absperrungen warteten, machten derweil die wildesten Gerüchte die Runde. Es war sogar die Rede von einer Lehrerin, die in der Mensa angeschossen worden sei. Doch verletzt wurde niemand.

Wie Viktor W. die Schule verlassen hat, ist ungeklärt. Vermutlich hat er das Durcheinander bei der Räumung zur Flucht genutzt. Eine Waffe wurde bei der Suche in den hunderten Zimmern nicht gefunden, auch nicht am Abend bei der Festnahme des Mannes. Schuldirektor Martin Stern sagte am Nachmittag, dass seine Schule in den kommenden Tagen Polizeischutz erhält. So schnell werde man nicht zur Normalität zurückkehren können. „Wir sind sehr, sehr verstört.“ Die Schüler sollen heute schriftlich über den Vorfall informiert werden, um allen Gerüchten entgegenzutreten. Zwei Schulpsychologen kümmerten sich gestern um die Schüler.

In der Schule hatte es bislang kaum Gewalttaten gegeben. Vor drei Jahren habe es eine Messerstecherei vor dem Gebäude gegeben, berichtete ein Lehrer. Allerdings sei ein Kollege zusammengeschlagen worden, als er einen Schulfremden aus dem Gebäude verweisen wollte. Das OSZ Handel gilt mit derzeit etwa 6500 Schülern als größte Schule Deutschlands. Da es sich um eine Berufsschule handelt, ist täglich jedoch nur etwa ein Drittel der Schüler im Gebäude. Schuldirektor Martin Stern sagte auf die Frage, ob der Einsatz gerechtfertigt sei: „Unter dem Eindruck von Erfurt auf jeden Fall.“ Vor sechs Jahren hatte dort ein Mann in seinem früheren Gymnasium 16 Menschen erschossen und dann sich selbst.

In der Treptower Grabowstraße, einer ruhigen Sackgasse mit Altbauten, reagierten Nachbarn des 21-jährigen Verdächtigen am Dienstagabend fassungslos auf die Festnahme. Viktor W. wohne hier gemeinsam mit seiner etwa gleichaltrigen Freundin, hieß es in dem Mehrfamilienhaus. Beide wurden als aufgeschlossen und freundlich beschrieben. „Ich habe sie als nette junge Leute kennen gelernt“, sagte eine Nachbarin. Das Paar habe häufig vor der Haustür gestanden und geraucht, berichtet ein anderer Hausbewohner. Er habe ihnen gesagt, die Asche auf dem Boden störe ihn. „Der junge Mann hat sehr höflich reagiert. Beim nächsten Mal hatten sie ein leeres Marmeladenglas als Aschenbecher dabei.“

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