• „Ich wusste nie, warum sie auf mir rumhackten“ Für das Falsche geliebt und für das Falsche gehasst:

Berlin : „Ich wusste nie, warum sie auf mir rumhackten“ Für das Falsche geliebt und für das Falsche gehasst:

Hildegard Knef erinnert sich an ihr turbulentes Leben

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Meine Familie

Wieso kannst du nicht sein wie andere Kinder, das war der Hauptsatz meiner Kindheit, weil ich immer an der falschen Stelle weinte, ich konnte Zirkus nicht ausstehen. Clowns, die sich auf den Kopf schlugen, was sollte daran komisch sein. Tiger, die man durch Reifen springen lies, fand ich sehr demütigend. Als Kind hatte ich immer dieses brennende Gefühl, lasst doch die armen Tiere und Menschen in Frieden. Ich finde es nicht komisch, und die finden es bestimmt auch nicht komisch. Und meine Mutter war völlig verzweifelt und sagte immer, wieso kannst du nicht so sein wie andere Kinder. Darauf hatte ich keine Antwort, bis heute nicht. Mit meiner Mutter gibt es viel Sprachloses. Viel Unausgesprochenes. Sehr der Wunsch, manchmal in die Nähe zu kommen. Aber ich glaube, sie hat meinen Vater bis zu ihrem frühen Lebensende, sie war erst 63, als sie starb, geliebt. Ich hab sie sehr an meinen Vater erinnert. Ich war ihm äußerlich, und offenbar auch was Reaktionen anbelangt, ähnlich. Sie sagte manchmal sehr erschrocken, das habe ich ja auch geschrieben: „Lach nicht so wild, das erinnert mich an deinen Vater, er lachte auch immer so wild.“

Ich

Als ich jünger war, lief ich auf Menschen zu wie junge Hunde, die sich freuen, dass Besuch kommt. Als ich älter wurde und dann sogar alt, bin ich ein bisschen vorsichtiger geworden und höre auch genauer hin, was Menschen sagen und was dahinter steckt und welche persönlichen und manchmal auch egozentrischen Anlässe sie haben.

Ich bin immer anders gesehen worden als das, was ich glaube zu sein. Die Dünnhäutigkeit und auch eine gewisse Ängstlichkeit in mir, eine Panik, ein Lampenfieber, das schon an eine Tropenkrankheit gemahnt. All diese Dinge glaubt man mir eigentlich nicht. Ich will sie ja nun auch nicht hinausposaunen und sagen: Ich brauche euer Mitleid. Aber man sieht in mir, glaube ich, etwas weitaus aggressiveres als ich bin. (…)

Als junger Mensch konnte ich aggressiv sein, aber je älter ich wurde, desto mehr hat sich dieser Teil meines Seins abgeschliffen. Das heißt nicht, dass ich nun Mauz, die ewig nickende Emma bin. Nichts gegen Emma, den Namen, sondern gegen Tante Emma. Ich war früher viel jähzorniger als heute. Das hat nichts mit gutem Charakter zu tun, das hat mit Nachlassen der Kraft zu tun. Ein Nachlassen der Kräfte können sie nicht ersetzen durch irgendetwas.

Ich wusste nie, warum sie manchmal auf mir herumhackten, als hätte ich ihren Schrebergarten zertrampelt. Ich habe keine Ahnung, warum ich manchmal soviel Zorn auslöste, aber auf der anderen Seite auch Adoration. Ich hasse Misstrauen. Ich finde, es vergällt einem das Leben, ich finde, es nimmt so diese schönen Seiten des Lebens, sie werden also wirklich dunkel angestrichen, sehr böse, sehr bescheuert, und es macht traurig, und es macht krank, es macht auch physisch krank, nicht nur psychisch, ich musste mich oftmals davor hüten, dass ich nicht in der eigenen Tunke meines Selbstmitleids ersoffen bin.

Erste Schritte

Ich war bei Kriegsende in russischer Gefangenschaft, man tat mich in Einzelhaft, in ein schwarzes Loch, und in diesem Loch lag eine, das spürte ich beim Rumtasten, tote Frau, und sie ließen mich mit ihr ein paar Tage allein. Das macht mürbe, und dann haben sie die tote Frau wegen des Gestanks, der ihnen sogar zu viel wurde, rausgeschmissen und mich also in diesem stinkenden Raum alleine gelassen und holten mich zu allen Tages und Nachtzeiten zu Verhören.

Sie haben mich nicht, nicht, nicht gefoltert.

Es kamen alle animalischen Instinkte hoch: Überleben, aber ich glaube, wenn man jung ist und so bewusst leben will, ganz bewusst, ich will das überleben, diesen Mist, den uns Hitler eingebrockt hat. Das werden wir doch mal sehen, ob ich diese Schwein nicht überleben.

Diese Wut auf alles und jedes, dieser Zorn, dieser immer brodelnde Zorn, der manchmal nachließ, aber doch im Grunde immer gegenwärtig war, der hat, glaube ich, sehr viel in mir angerichtet für mein ganzes Leben. Ich glaube, dass ich daher diesen Schock habe, den Schock, den ich bis heute im hohen Alter nicht verwunden habe, und dass ich nicht alleine sein kann. (…)

Nachdem ich aus der Gefangenschaft wiedergekommen bin, ging ich einfach zu Boleslaw Barlog nach Lichterfelde. Er hatte mich während des Krieges einmal in der S-Bahn angesprochen. Ich ging also hin und sagte: „Erinnern Sie sich an mich?“, und er sagte: „Ja. Komm rein. Iss eine Tomate. Sonst haben wir nichts. Alles, was wir haben, sind Tomaten. Aber ich werde Theater machen, ganz großes Theater im Steglitzer Schlossparktheater. Ich habe die Lizenz und mache Theater. Wenn du willst, machste mit.“ Das hätte er mir nicht zweimal zu sagen brauchen. In hing schon in Zeppelinshöhe vor Freude. Als die Proben begannen, bekam ich nicht die Hauptrolle, sondern ich kriegte den Prolog von Goethe. Ich war ein bisschen traurig, aber das wir mir alles egal. Hauptsache, ich war in diesem unglaublichen Stall-Gestüt von Barlog. (…)

Die „Sünderin“

„Die Sünderin“ – das war schon furchtbar. Ich hatte keine Ahnung, warum sich die alle benahmen, als hätten sie eine schwerwiegende Hirnkrankheit. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, warum alle verrückt spielen, weil ich das so kurzfristig nackt zu sehen war. (…) Es hat mich verletzt. O ja, es hat mich sehr verletzt. Denn ich mache einen Witz im Fernsehen und sage: Ich kam in ein Restaurant mit jemandem, und die konnten darauf schwören, dass irgendeine Frauenstimme sagt: „Fritz, wir gehen!“ Mit so etwas wie mir saß man nicht auch nur am Nebentisch, und auch nicht zehn Tische weiter. Es war peinlich, ich hab’s im „Geschenkten Gaul“ geschrieben: lachte ich, dann hieß es: Gott, was für eine Unverfrorenheit; war ich ernst, sagte man: die Reue kam zu spät. Ich glaube, das ist mein Schicksal. Schon immer gewesen. Das hat sich auch so erhalten, und es ist auch so geblieben.

Ich meine, Deutschland beschimpfte mich plötzlich, als hätte ich den Film gedreht, das Drehbuch geschrieben, die Finanzen zusammengeholt und diesen ganzen desolaten Mist, der ja im Grunde „Die Sünderin“ war. War ja langweilig, ein dämliches Melodrama, aber es war meine erste Chance, nach Jahren des Englischlernens und des Nichtgewolltseins von Hollywood, weil eine Deutsche, bitteschön, und so früh nach dem Krieg, überhaupt wieder zu arbeiten. Und als ich die „Die Sünderin“ gemacht hatte, war ich plötzlich bei Fox wieder am Drehen, und ich drehte „Decision before dawn“, der hieß in Deutschland, glaube ich, falls ihn Deutschland überhaupt einer gesehen hat, „Entscheidung vor Morgengrauen“, mit Oskar Werner, das war also eine Superbesetzung.

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