Berlin : Ideale Besetzung

Diskutiert und produziert: Annette Humpe und Adel Tawil alias Ich + Ich haben ihr neues Album fertig

Nana Heymann

Ihr erstes Treffen war nicht frei von Spannungen. Er stand in seinem Tonstudio und nahm gerade Musik auf, für die sie den Text geschrieben hatte. Sie kam herein, hörte die ersten Takte – und erhob gleich lautstark Einspruch. „Wer ist diese Frau überhaupt und wieso redet sie mir rein“, dachte er sich. Aber weil er nicht unhöflich sein wollte, schwieg er lieber. Erst später, als er sie näher kennenlernte und in ihrer Wohnung in Charlottenburg die vielen Platinplatten hängen sah, wurde ihm bewusst: Die Frau weiß, wovon sie spricht.

Fünf Jahre nach ihrer ersten Begegnung kann es immer noch zu Unstimmigkeiten kommen, wenn Annette Humpe und Adel Tawil im Studio zusammenarbeiten. Obwohl sie inzwischen das Pop-Duo Ich + Ich bilden. „Wir sind beide Sturköpfe“, sagt der Sänger, und das muss man durchaus positiv verstehen. Die scheinbar ungleichen Zwei streiten sich solange über Songs, basteln, probieren und ändern, bis ein für beide zufriedenstellendes Ergebnis steht. In den zurückliegenden Monaten, gleich nach dem Ende ihrer Deutschlandtour, haben die ehemalige Ideal-Frontfrau und das einstige Boygroup-Mitglied (The Boyz) insgesamt dreizehn Mal gestritten, verbessert, abgenickt: Im Juni soll das zweite Album der Band erscheinen und den Titel „Vom selben Stern“ tragen.

Am Dienstagabend haben Annette Humpe und Adel Tawil in den Planet Roc Studios auf dem ehemaligen Rundfunkgelände an der Nalepastraße im kleinen Kreis erste Stücke aus der Platte vorgestellt. Sie ist bei weitem nicht so melancholisch wie der Vorgänger. Auch nicht so gitarrenlastig. Adel, 28, hat seine musikalische Vorliebe für HipHop in das Werk eingebracht, in Form satter Beats und mitreißender Grooves. Annette, 56, hat die Texte geschrieben. Nüchterne, ehrliche Zeilen. Sie singt zum Beispiel: „Ich wär’ gern besser als ich bin, ist nicht schlimm, ich krieg’s nicht hin.“ So viele Selbstzweifel hätte man von der früheren NDW-Ikone gar nicht erwartet. Zu Unrecht. „Ich ertappe mich jeden Tag dabei, über eigene Unzulänglichkeiten nachzudenken“, sagt Annette Humpe. „Die Kunst ist, sich dem zu entziehen. Jeder ist für den Druck, den er sich macht, selbst verantwortlich.“

Adel Tawil hat sich trotzdem Druck gemacht: beim Einsingen mancher Songs. „Viele Stücke waren eine Herausforderung für mich, sowohl stimmlich als auch gefühlsmäßig.“ Etwa das düstere „Tod“. „Das Thema ist zwar im Hinterkopf präsent, aber ich habe mich damit noch nie so richtig beschäftigt.“ Dass es auf dem Album mitunter nachdenklich wird, hat einen Grund: Annette wollte kein Feuerwerk der guten Laune abbrennen, jedenfalls nicht durchgängig. „Party-Platten macht meine Schwester schon“, sagt sie und meint Inga Humpes Projekt 2raumwohnung.

Zurzeit drehen Adel Tawil und Annette Humpe in Mitte die letzten Szenen zum Video der ersten Single „Vom selben Stern“. Mit dabei sind Kabarettist Kurt Krömer und Schauspielerin Anna Fischer. Ob die beiden Musiker mit ihrer Platte auf Tour gehen werden, steht noch nicht fest. „Ich schreibe gerne Popsongs, aber ich muss jetzt nicht mehr als Mutter auf der Bühne stehen“, sagt Annette Humpe. Vermutlich wird Adel Tawil versuchen, ihr das höflich auszureden.

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