Berlin : Idiot

Idiot

Christian Schröder

In den großen russischen Romanen des 19. Jahrhunderts haben die wichtigsten Szenen oft etwas mit der Eisenbahn zu tun. Anna Karenina trifft den Grafen Wronskij zum ersten Mal auf einem Gleis des Moskauer Bahnhofs. Nachdem er sie verführt und entehrt hat, springt sie konsequenterweise vor einen Zug. Fürst Myschkin, Dostojewskijs „Idiot“, reist im Nachtzug von Warschau nach Petersburg, er sitzt in einem Dritte-Klasse-Abteil am Fenster und lässt den Blick schweifen. „Es war ein später Novembertag, das Wetter nasskalt und trübe, und obwohl es bereits auf die neunte Stunde ging, lag noch morgendliche Dämmerung über der Landschaft, deren undeutliche Umrisse sich rechts und links von der Strecke im Nebel verloren.“ Myschkin ist Epileptiker, er war in einem Sanatorium und scheint geheilt. Doch im Zug kommt er mit dem Kaufmann Rogozin ins Gespräch, der ihm von der schönen Nastasja Filippowna erzählt, und damit nimmt das Unheil seinen Lauf.

Knapp 900 Seiten später sitzen Myschkin und Rogozin wieder zusammen, diesmal nicht im Zug, sondern auf dem Bett von Nastasja. Sie halten Totenwache, Rogozin hat das Mädchen erstochen. „Als die Tür nach vielen Stunden aufging und Leute kamen, fanden sie den Mörder fiebernd vor. Der Fürst saß reglos neben ihm und fuhr ihm liebkosend und beruhigend mit zitternder Hand über Haare und Wangen. Er verstand nichts mehr von dem, was man ihn fragte.“ „Der Idiot“, den Dostojewskij 1868 in wechselnden Hotels in Italien, Deutschland und der Schweiz schrieb, ist ein monumentales Epos, in dem es nicht immer leicht fällt, den Überblick über die kunstvoll ineinander geflochten Haupt- und Nebenstränge der Erzählung und die Namen der Protagonisten zu behalten. Aber auf dieses Stillleben läuft die Handlung mit der Rasanz und der Präzision einer unter Hochdruck stehenden Dampflok zu: eine tote Frau und neben ihr die beiden Männer, die sie geliebt haben.

Dostojewskij war tiefreligiös, den „Idioten“ zeichnet er als jesusgleiche Erlöserfigur. Um die Welt zu retten, verliert Fürst Myschkin buchstäblich seinen Verstand. Ein langer innerer Monolog, in dem die Gedanken des liebeskranken Aristokraten zu einem Stream of Consciousness verwirbeln, liest sich wie ein ethischer Aufruf: „Ja, nichts war jetzt so nötig wie Klarheit, Klarheit um jeden Preis! Jeder sollte in der Seele des anderen lesen können wie in einem Buch! Fort mit allen diesen verworrenen, leidenschaftlichen Impulsen, Aufwallungen!“ Klarheit, Vertrauen, Liebe: Der Fürst formuliert eine Sehnsucht, die auch von heutigen „Simplify Your Life“-Bestsellern nicht besser auf den Punkt gebracht wird. Die Welt, wie Myschkin sie sich wünscht, wäre eine bessere, aber natürlich ist das Leben anders. „Der Idiot“ ist ein großartiger Desillusionierungsroman, er handelt von dem, was seine Titelfigur fürchtet und verabscheut: Leidenschaften, Aufwallungen, Verstrickungen. Wer will, kann in dem Narren Myschkin auch ein Selbstporträt des Autors erkennen. Dostojewskij litt seit seiner späten Jugend an epileptischen Anfällen, wie der Fürst suchte er immer wieder Zuflucht in Sanatorien. Als er das Buch beendet hatte, notierte er: „Ich bin unzufrieden mit meinem Roman, er bringt nicht einmal ein Zehntel von alldem zum Ausdruck, was ich sagen wollte. Doch ich hänge voller Liebe an meiner misslungenen Idee.“

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