Berlin : „Idomeneo“ soll bald wieder auf dem Spielplan stehen

Einhellige Forderung bei Podiumsdiskussion an der Deutschen Oper Innensenator gibt zu, „etwas zu viel“ auf Sicherheit gesetzt zu haben

Christine Lemke-Matwey

Es brodelt, es grummelt, es scharrt mit den Füßen. Die Stimmung ist aufgeheizt. Draußen vor der Deutschen Oper verteilen selbst ernannte „Mozart-Fans“ Flugblätter, die Hans Neuenfels, den „Idomeneo“-Regisseur, am liebsten nach Afghanistan schicken wollen (als Tourist) und eine Rückkehr der Bundeswehrsoldaten aus sämtlichen Weltkrisengebieten fordern, für den Fall, dass die umstrittene Mozart-Inszenierung an der Bismarckstraße demnächst wieder unverändert gezeigt werden sollte. Und drinnen im Saal ist das erste Wort, das ertönt, ein kräftiges Buh. Wem es auf dem Podium gilt, ist allerdings schwer auszumachen.

Sechs Diskutanten und ein redseliger Moderator scharen sich an diesem Feiertagsmorgen um die in die Kritik geratene Intendantin Kirsten Harms. So richtig weiß man aber nicht, was das Thema dieser „Debatte“ eigentlich sein soll: der Anteil von militanten Extremisten in der muslimischen Weltbevölkerung und deren mediale Präsenz? Gewisse sozialromantische Vorstellungen auch und gerade in Berlin? Die Freiheit der Kunst und die der Religion, die Reichweite sicherheitsbehördlicher Maßnahmen, die frisch entflammte Wut des Abonnenten über das Regietheater? Gut zwei Stunden lang gibt es von allem etwas, differenzierter, bemühter, unterhaltsamer zumeist als in der Hitze des ersten Gefechts.

Und am Ende dann doch so etwas wie eine gemeinsame Erklärung: Kirsten Harms, so Bischof Wolfgang Huber in der ihm eigenen kanzelreifen Rhetorik und Deklamation, habe den „Schutz aller Verantwortlichen“ verdient. Kopfnicken auf der Bühne, Applaus im Saal. Woraufhin die Intendantin sich artig bedankt. Man warte derzeit auf eine „neue Analyse“ und ein „schlüssiges Sicherheitskonzept“. Mit anderen Worten: „Idomeneo“ wird an der Deutschen Oper erst dann wieder gespielt werden, wenn die Voraussetzungen dafür stimmen und der Situation angepasst sind. Kirsten Harms hat harte Tage und Nächte hinter sich. Schneller als sie selber zu hoffen wagte scheint sich das Fähnlein nun zu ihren Gunsten gewendet zu haben. Ein stiller Triumph, den sie auf ihre Weise – still – genießt.

Innensenator Ehrhart Körting (SPD) tut sich da naturgemäß schwerer. Sonderlich tatkräftig jedenfalls wirkt seine Argumentation an diesem Vormittag nicht. Die Schlussfolgerungen aus der Gefährdungsanalyse für die Deutsche Oper seien „möglicherweise falsch“ gewesen, so der Senator, er selbst habe dabei wohl „etwas zu viel“ auf Sicherheit gesetzt, und überhaupt hätte man das Ganze wohl vorher diskutieren müssen. Körtings Forderung nach einem „Dauerdialog“ zwischen den Kulturen, seine Feststellung, auch die Grenzen der Kunst definierten sich über die Strafgesetzordnung (!) – dies alles wirkt bestenfalls nassforsch und hemdsärmelig. Natürlich sei die Berliner Polizei technisch jederzeit dazu in der Lage, so der Innensenator, die Deutsche Oper zu schützen: „Aber was sind die Folgen?“ Die Folgen einer Berliner „Idomeneo“-Aufführung für den Rest der Welt, so wie aus Rache für Papst Benedikts Regensburger Äußerungen in Afrika eine Nonne umgebracht wurde? Und die Verantwortung für etwaige Folgen dieser Art sollte Kirsten Harms ganz alleine tragen?

Die kleine (oder auch gar nicht so kleine) faktische Unschärfe, ob die Kulturverwaltung die besagte Gefährdungsanalyse nun zum selben Zeitpunkt erhielt wie die Verwaltung des Inneren oder nicht, diese Unschärfe geht in der Diskussion leider ebenso unter wie die Ungeheuerlichkeit von Körtings Rede. Kultursenator Thomas Flierl (Linkspartei) schüttelt zwar den Kopf, äußert sich dazu aber nicht. Er habe mit Harms’ Entscheidung so lange sympathisiert, wie man von einer tatsächlichen Gefährdung ausgehen musste, sagt er, danach habe er sie für falsch gehalten. Was dann folgt, ist ein glänzendes Plädoyer: für eine sorgfältige Trennung zwischen „Kunstfreiheit“ und „Kunstkritik“. Es könne nicht sein, so Flierl, dass die Frustration gewisser Publikumskreise über das Regietheater nachträglich zur Begründung der „Idomeneo“-Absetzung avanciere.

Auch Günter Piening, der Integrationsbeauftragte des Senats, fordert eine „Kunstdebatte“ (und stellt die interessante Frage nach der Autonomie der Sicherheitsbehörden, die sich keiner zivilgesellschaftlichen Diskussion zu stellen hätten). Ulrich Khuon wiederum, der Intendant des Hamburger Thalia-Theaters, findet von Berufs wegen, dass Kunst stören müsse, John Kornblum, der ehemalige US-Botschafter, lobt Deutschland als „lösungsorientiert“, und die Berliner Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus verweist auf den „Humor in Unterägypten“, der in der Welt seinesgleichen suche. In einem freilich sind sich alle einig: Mozarts „Idomeneo“ muss schnellstmöglich wieder den Weg in die Deutsche Oper finden. Und sei es unter dem Schutz diverser Polizeiwagen, die schon jetzt an der Bismarckstraße parkten.

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