Berlin : IFA 2001: Orgelklänge aus der Tüte

Stefan Jacobs

Nehmen wir einmal an, wir hätten einen Porsche entweder schon in der Garage oder gar nicht nötig, obwohl wir uns einen leisten könnten. Wir hätten eine große Wohnung mit weit entfernten Nachbarn und wir wären auf der Suche nach ein paar schönen Lautsprechern für unsere Hunderttausend-Mark-HiFi-Anlage. Auf der Funkausstellung haben wir welche entdeckt und wollen nun wissen, wie sie klingen.

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Der virtuelle Messerundgang Deshalb haben wir einen Termin zum Probehören vereinbart. Nicht auf der lauten Ifa, sondern in Schmargendorf, in einer stillen Straße, über der in hohen Linden die Vögel zwitschern. Wir stehen vor einem Mietshaus und klingeln bei Basil Martion, der uns in ein überraschend schlichtes Zimmer mit schallisolierter Decke bittet, auf einem abgewetzten ledernen Zweisitzer Platz nehmen lässt - genau in der Mitte, bitte - und die Doppelfenster schließt. Unser Blick fällt auf Tausende von Schallplatten und ein paar CDs. Bach, Berlioz, die Eagles, fast alles. Zu beiden Seiten der Tür stehen diese tütenförmigen Lautsprecher, also diese Vierwege-Kugelwellenhörner namens "Orgon" und schauen uns an. Martion drückt auf "Play".

Orgel. Der Klang füllt den Raum so, dass sich jede Bewegung verbietet, damit man nicht an die Pfeifen stößt. Es klingt wie Orgel, nicht wie Stereoanlage. Martions Blick verschwimmt. Jetzt mal was mit Bässen. Der Beat kriecht in die Hosenbeine, massiert den Rücken und stellt die Nackenhaare auf. Es ist höllisch - ach was, es ist himmlisch laut. Auf dem Mineralwasser entstehen kleine Wellen, vom Glas lösen sich Bläschen im Takt und das vibrierende Sofa scheint in eine wunderbare Klangwelt zu entschweben. Man ahnt, warum Drogen süchtig machen.

Klick. Die Nackenhaare legen sich wieder, der Trip ist vorbei. Wir schreiben einen Scheck über 80 000 Mark und bitten Martion, sofort anzufangen. Er führt uns in den Keller, damit wir uns in seiner Werkstatt eine Farbe aussuchen. Das Holz steht schon bereit; der Förster habe es liebend gern gegeben, sagt Martion. Als Jugendlicher hat er Klarinette und Gitarre gespielt und sich allmählich zum Klangfanatiker entwickelt. Seine Werkstatt sieht aus wie eine Tischlerei mit Elektroabteilung. Kärtchen mit Messkurven liegen zwischen Maschinen, Kabeln und Gehäuseteilen. Im Nebenraum wird aus Sperrholz das Gehäuse des Tieftöners montiert. Auf einem ausgemusterten Grabstein, weil der sich garantiert nicht durchbiegt. Zwei Handwerker arbeiten hier, bald fängt ein dritter an.

"Wer sich sowas kauft, ist auch irgendwo ein Psychopath", sagt Martion. Der drahtige 53-Jährige hat sowohl Psychologie als auch Nachrichten- und Studiotechnik studiert. In seinem Traumberuf braucht er beides. Seine Kunden seien nicht unbedingt Millionäre, denn die hätten selten Muße für Musik. Eher Beamte, Lehrer, Diplomaten, Anwälte. Leute, die beim Anblick ihrer Echtholz-Anlage denken, das kann doch nicht alles sein. Gerade kam die Anfrage eines Yachtbesitzers, der die "Orgon"-Hörner gern auf seinem Schiff hätte. Es sieht gut für ihn aus, denn das Schiff ist groß.

Aber das nur nebenbei, während wir auf unsere eigenen Lautsprecher warten. In denen stecken rund drei Wochen Arbeit, an deren Ende Martions alter Mercedes, der mit unseren Hörnern auf dem Dach jetzt an einen Dampfer erinnert, vor unserer Tür hält. Natürlich ist das System für unseren Raum maßgeschneidert. Nun stellt Martion es so lange ein, bis es makellos klingt. Das braucht trotz aller Technik vor allem geschulte Ohren. Wenn alles fertig ist, drückt Martion wieder "Play" und beobachtet unsere Reaktion. Überraschen können wir ihn nicht. Er hat Kunden erlebt, die mit der Partitur auf dem Schoß eine Sinfonie verfolgten und erst zufrieden waren, als sie jedes einzelne Instrument geortet hatten. Andere sind einfach in Tränen ausgebrochen wie der alte Mann, der plötzlich aufsprang und zu dirigieren begann. Wieder andere behielten den Meister gleich zu einem Fest anlässlich der neuen Lautsprecher bei sich.

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