Ifa 2008 : Dampfbügeln im Netz

Ist es live oder ist es Flachbildschirm? Plasma oder LCD? Und wie lange braucht die Kalbshaxe im Ofen? Auf der Internationalen Funkausstellung werden Geräte vorgestellt, die intelligenter als ihre Benutzer sind.

Bernd Matthies
Ifa
Ein Rundgang auf der Ifa stellt den Besucher immer wieder vor Rätsel. -Foto: ddp

Das Stichwort lautet: „Home Appliances“. Der sprachlich rückständige Besucher spricht von „weißer Ware“, gemeint ist das Gleiche: Nun sind auch die Hausgeräte ein Teil der Ifa, die einmal internationale Funkausstellung hieß – ein Wort aus jener Zeit, als in den Studios fette Elektronenröhren glühten. Und die Gewinner dieser Neuerung stehen schon am ersten Tag fest: Es sind die Fernsehköche, die nun nach der Grünen Woche und der Frankfurter Buchmesse auch diese Ausstellung unter sich aufteilen.

Stefan Marquard, Alexander Herrmann, Mario Kotaska und andere hacken, rühren, löffeln und schwatzen bei Bosch, Siemens, Electrolux. Fazit: Wer heute schlechtes Essen auf den Tisch bringt, der ist kein schlechter Koch, sondern hat die falschen Geräte. Also beispielsweise nicht jenen Backofen, der dem Laien mitteilt, dass die 1900 Gramm schwere Kalbshaxe nun zwei Stunden, elf Minuten und 29 Sekunden bis zur perfekten Garung benötige.

Ist es live oder ist es Flachbildschirm? Plasma oder LCD? Wer vor der Messe nicht wusste, welchen Fernseher er sich anschaffen sollte, der weiß es hinterher garantiert nicht. Die großen Hersteller bemühen sich auch gar nicht erst, allzu viel Informationen aufzubereiten, sondern zelebrieren stattdessen Hochämter der Technik, und zwar in Kathedralen von Ganzhallenformat. Bei Sony ist es eine verspiegelte Kiste mit weißen Bäumen, in der James Bond in gigantischen Projektionen herumballert; andere große Hersteller wie Samsung lassen es sachlicher angehen. Dennoch ist ein Punkt erreicht, an dem das Versprechen, man wolle mit neuer Technik das Leben leichter machen, bereits beim Lesen der Bedienungsanleitungen zerschellt.

Auch Klaus Wowereit ist kein richtiger Technophiler, deshalb absolviert er seinen Messerundgang eher summarisch, fragt die jeweiligen Chefs also unverfänglich „Was gibt’s Neues?“ oder „Wie ist Ihr Eindruck?“ und lässt die jeweilige Suada lächelnd an sich abperlen. Beim Lautsprecherhersteller Canton hatten sie die geniale Idee, schwarze und rote Sitzwürfel aufzustellen, das ist was für Wowereit, der sich auf den schwarzen setzt und routiniert scherzt: „Der gibt aber stark nach.“ Inzwischen hat sich neben ihm auch die karottenhaarige, irgendwie digital geschminkte Ifa-Hostess aufgebaut, die von einem Bodyguard durchs Gedränge bugsiert wird. Foto, Foto, weiter, weiter.

Nicht nur wegen der Köche wird man vermuten dürfen, dass die Ifa nach und nach mit der Grünen Woche zusammenwächst. Denn auch die Staubsaugerverkäufer, die ein Schattendasein im Whirlpool- und Gartenhüttenbereich führen, sehen sich hier im Lichte der „Home Appliances“ zur Technologieführerschaft geadelt. Vorausgesetzt, sie erfüllen das erste Ifa-Gebot: Du sollst sparsam mit der Energie umgehen.

Insofern besteht die große Suggestion der Messe darin, dass der Besucher seine Geräte zu Hause entweder als hoffnungslos altmodisch empfinden soll – Dampfbügeleisen ohne Internetanschluss? TV ohne „FullHD“-Eignung? – oder wenigstens, wie bei den nach wie vor meist viereckigen und innen kalten Kühlschränken, als brutale Energiesäue. Die meisten neuen Geräte sind augenscheinlich schon heute intelligenter als ihr durchschnittlicher Benutzer, daraus könnte sich manch nützlicher Effekt, aber auch mancher Konflikt ergeben.

Dem Nostalgiker mag helfen, dass deutsche Traditionsfirmen auf dieser Messe wieder stark im Kommen sind, Telefunken, Grundig, nur leider einzig als Markennamen fernöstlicher Produkte. Schaub-Lorenz in Hongkong baut sogar Gasherde; das hätte Firmengründer Georg von Schaub 1921 sicher noch von sich gewiesen. Aber was sind schon noch Gewissheiten, wenn der Autodesigner Pininfarina für eine slowenische Firma schwarze Kühlschränke gestaltet?

Ach, gehen wir mal zu Bosch. Die Kalbshaxe müsste allmählich fertig sein. Bernd Matthies

Messegelände, bis 3. September täglich 10-18 Uhr, Eintritt 14 Euro.

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