• IGEB: Die rund 200 Mitglieder des Fahrgastverbands feierten Jubiläum: Wie man vom Bahnkritiker zum Bahnunternehmer wird

Berlin : IGEB: Die rund 200 Mitglieder des Fahrgastverbands feierten Jubiläum: Wie man vom Bahnkritiker zum Bahnunternehmer wird

Klaus Kurpjuweit

Es sind vier Buchstaben, die seit Jahren oft nicht nur die Bahnoberen und den Senat genervt haben. Interessengemeinschaft Eisenbahn in Berlin, kurz IGEB, nannten sich neun Idealisten, die sich am 3. Juli 1980 zusammengefunden hatten, um den Bahnverkehr von und nach Berlin zu verbessern. Ihr Präsident war - und ist es auch noch 20 Jahre später - der Franke Gerhard J. Curth. Der in wenigen Tagen 52 Jahre alt werdende Curth arbeitete damals im Bezirksamt Steglitz. Nachdem er von seinem Vorgesetzen fürchterlich zusammengestaucht worden war, weil er zu spät zu einer Besprechung kam und entschuldigend sagte, die S-Bahn habe Verspätung gehabt, sagte er sich: Die Sache muss sich ändern. Nicht dass er zu spät kam, war verwerflich, sondern dass er als Angehöriger des öffentlichen Dienstes die S-Bahn benutzt hatte, erregte den Unwillen des Chefs. Noch war der im Westteil nach dem Mauerbau ausgerufene S-Bahn-Boykott nicht aufgehoben.

Zwei Monate nach der Gründung der IGEB standen die Mitglieder voll im Einsatz. Nach einem Streik der Reichsbahner im Westteil der Stadt hatte die DDR auf gut der Hälfte des Netzes in West-Berlin den Betrieb nicht mehr aufgenommen. Dagegen wehrte sich die IGEB. Ein Konzept, das einen Verbund der S-Bahn mit der BVG vorsah, war 1981 fertig. Doch weder Senat noch die BVG wollten damals von der S-Bahn etwas wissen. Besser waren die Kontakte der IGEB zur Reichsbahn, die vornehmlich über den damaligen Leiter des Bahnhofes Zoo, Alfred Schultz, liefen. Er ist heute Ehrenmitglied der IGEB. Als 1984 die Fernbahnhalle des Bahnhofes 100 Jahre alt wurde, organisierte die Interessengemeinschaft dort eine Ausstellung und veröffentlichte ein Konzept zur Zukunft des Fernverkehrs. Außerdem stellte sie mit dem Berliner Schienenverkehrsverband die erste Dampflok-Sonderfahrt aufs Gleis. Die Reichsbahn war hier noch zurückhaltend. Nachdem die Fahrten erfolgreich waren, wurden sie in den Jahren danach von der Reichsbahn selbst angeboten. Auf Anregung der IGEB öffnete die Reichsbahn die ersten Kundenbüros in West-Berlin.

1984 war auch für die S-Bahn ein entscheidendes Jahr. Im Januar hatte die BVG im Auftrag des Senats den Betrieb im Westteil übernommen. Betrieben wurden aber zunächst nur zwei Linien. Die IGEB prägte den Begriff von der "Schrumpfbahn" und setzte sich mit Anwohnerinitiativen für die Wiederinbetriebnahme der stillgelegten Strecken ein. Dies brachte der IGEB den höchsten Mitgliederstand ihres Bestehens ein. Heute sind es immerhin noch knapp 200, die seit 20 Jahren 120 Mark Beitrag zahlen.

So wird unter anderem das Fahrgastzentrum im S-Bahnhof Jannowitzbrücke finanziert, in dem auch Nichtmitglieder werktags von 15 bis 19 Uhr ihren Kummer mit der Bahn und der BVG vortragen können. Aber auch der Vorsitzende wird vorwiegend aus den Mitgliedsbeiträgen bezahlt. Er arbeitet seit 1982 hauptamtlich für die IGEB. Bei Curth ist die Trennung inzwischen allerdings schwierig. Er ist auch Präsident des Deutschen Bahnkunden-Verbandes (DBV). Und dieser wiederum ist mit der Deutschen Regional-Eisenbahn (DRE) heute selbst ein Eisenbahnunternehmen. In Brandenburg hat die DRE die Niederlausitzer Eisenbahn zwischen Herzberg und Beeskow übernommen, seit Jahren betreibt sie die schmalspurige Döllnitzbahn in Sachsen, auf der es heute sogar wieder Personenverkehr gibt, und vor einigen Tagen übernahm die DRE auch die Strecke Lüchow-Dannenberg. Unter ihren Fittichen läuft ferner die Steigerwaldbahn bei Bamberg. Weitere Strecken, unter anderem Neustrelitz-Feldberg in Mecklenburg-Vorpommern, sollen hinzukommen. Ziel ist es, Strecken vor der Stilllegung zu bewahren.

Das IGEB-Jubiläum wird allerdings erst im September gefeiert. Dann findet hier der internationale Kongreß der Fahrgastverbände statt. Und die IGEB war immerhin der Vorreiter.

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