Iglu-Studie : Schlechte Auslese

Berlins Jugend wird schon in der Grundschule um ihre Zukunft gebracht. Ohne zusätzliche Anstrengungen steuern knapp 25 Prozent der Berliner Schüler auf Hartz IV zu. Susanne Vieth-Entus über die Ergebnisse der Iglu-Studie.

Susanne Vieth-Entus

Wenn man sich in Berlin ein wenig gruseln will, braucht man dazu weder einen Krimi noch die Klimakatastrophe: Es reicht ein Blick in die neue internationale Leseuntersuchung, die auf den schönen Namen „Iglu“ hört. Sie zeigt nämlich, dass in Berlin jeder vierte Zehnjährige schlecht liest und damit kaum Aussicht auf eine erfolgreiche Schullaufbahn hat. Anders gesagt: Ohne zusätzliche Anstrengungen steuern knapp 25 Prozent der Berliner Schüler auf Hartz IV zu.

Es ist nicht schwierig, den Hauptgrund für Berlins bundesweiten Schlusslichtplatz zu benennen: In keinem Land ist der Migrantenanteil höher als in Berlin. Im Vergleich zu Spitzenreiter Thüringen hat Berlin fünfmal mehr Schüler, deren Eltern nicht in Deutschland geboren sind. Nirgendwo in Deutschland ist zudem der Anteil der besonders bildungsfernen türkischen Migranten so groß wie in Berlin.

Nun kann man beklagen, dass Deutschland seit 40 Jahren die falsche Einwanderungspolitik betreibt. Dass deshalb überdurchschnittlich viele unqualifizierte Menschen ins Land kommen – vielleicht sogar mehr, als ein einzelnes Bundesland wie Berlin verkraften kann. Man kann auch vermuten, dass keine Bildungsinvestition ausreicht, um diese Fehler in der Einwanderungspolitik gutzumachen.

Dennoch hat die Politik gewaltige Möglichkeiten, um die Folgen abzumildern. Und sie hat auch – dank Pisa und Iglu – genug Informationen, um an den richtigen Stellen anzusetzen. Die Frage ist nur, ob sie diese Möglichkeiten und diese Informationen auch nutzt.

Das aber tut sie nicht. Wie sonst ist zu erklären, dass in einem schwierigen Stadtgebiet wie Berlin die Grundschulklassen mit 24 Kindern vollgestopft werden, während sich Länder ohne Migrantenprobleme Klassen mit nur 20 Kindern leisten können? Wie sonst ist zu verstehen, dass die Personalausstattung der Kindertagesstätten so knapp ist, dass an eine systematische Sprachförderung nicht zu denken ist?

Der Berliner Bildungssenator hat angekündigt, die „Effektivität der Sprachförderung“ zu überprüfen. Er will wissen, warum rund 1000 zusätzliche Stellen für die Sprachförderung ins Leere gehen. Auch das ist nicht neu: Schon sein Vorgänger hat nicht verhindern können, dass ein Großteil der Sprachförderstunden als Vertretungspotenzial für kranke Lehrkräfte verwendet wurde. Schließlich wäre andernfalls der Unterrichtsausfall noch größer als er ohnehin schon ist.

Wer sicher gehen will, dass die Kinder gut gefördert werden, muss zu anderen Mitteln greifen. Er muss vor allem dafür sorgen, dass alle Kinder einen Ganztagsplatz in der Kita bekommen. Er muss den Grundschulen Sozialpädagogen geben und Lehrer-Assistenten. Er muss kleine Klassen einrichten und dafür sorgen, dass Schüler aus bildungsfernen Familien auch in den Ferien gefördert werden.

Die Alternative liegt auf der Hand: Sie ist in den Hauptschulen zu besichtigen und in den Arbeitsagenturen dieser Stadt. Berlins Jugend wird schon in den ersten zehn Lebensjahren um ihre Zukunft gebracht. Das ist nicht nur gruselig, sondern zum Fürchten.

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