Berlin : Igor Flach (Geb. 1966)

Vor dem Wunder von Bern kannte er nur die schlichte „Munti“

Anselm Neft

Die Rütligasse in Bern, das Musikhaus Krompholz, der Keller mit den Kleininstrumenten. Da ist es passiert. Regal über Regal türmten sich die Mundharmonikas vor dem zwölfjährigen Igor: chromatische, diatonische, oktav- und tremolo-gestimmte Kreuzwender und Blues-Harps in allen Tonarten. Kanzellenkörper aus Birnbaum, Aluminium oder Acrylglas. Verchromte Deckelpaare, vernickelte Messingstimmplatten, geräuscharme Schieber, Mundstücke mit runden oder eckigen Anblasöffnungen. Der Junge verfiel den kleinen Instrumenten so rigoros, dass die Eltern nicht umhin konnten, ihm nach und nach einen ganzen Sack davon zusammenzukaufen.

Vor dem Wunder von Bern hatte Igor nur eine schlichte chromatische „Munti“ gekannt und sich musikalisch etwas auf der Violine erprobt. Von nun an sah und hörte man Igor zu jeder Tages- und Nachtzeit im Internat Königs-Wusterhausen mit einer seiner Mundharmonikas an den Lippen. Er schaute sich Techniken seines Vorbilds Jean Jacques Milteau ab und erfand eigene. Eine Lehre als Uhrmacher vermittelte ihm das nötige feinmechanische Geschick, um seine ständig wachsende Instrumentensammlung selbst stimmen und reparieren zu können.

Mit 17 spielte er in seiner ersten Band, der Jonathan Blues Band. Man hatte ihn vor dem tyrannischen Bandboss Peter Pabst gewarnt, der auch mal Fäuste sprechen ließ. Als Igor und ein Tontechniker vom Pabst um das Geld für die letzte Tournee geprellt wurden, ließen sich die beiden von einem Rechtsanwalt namens Gregor Gysi beraten. Der sagte: „Das Geld seht ihr nicht wieder. Es liegt eh weit über dem Ostsatz für Nicht-Profimusiker.“

Den Status „Profimusiker“ erreichte der Autodidakt tatsächlich nie, obwohl kaum eine Zuschreibung besser zu Igor gepasst hätte. Er spielte mit einer Leidenschaft, die auch Menschen ansteckte, die die Mundharmonika zuvor für einen Scherzartikel gehalten hatten. Er spielte so vielseitig, virtuos und eigenständig, dass er heute als einer der besten „All-category-Harpspieler“ gilt, weltweit. Igor ist nie einer Arbeit nachgegangen, die nichts mit Mundharmonikas zu tun gehabt hätte. Er tourte in einem Trabant-Kombi durch die DDR, um Abend für Abend barfuß mit Gitarre und Harp auf einer Bühne zu stehen, begleitet vom Halbplayback, das sein Kollege, der Tontechniker, abfuhr. Er spielte vor zehn Leuten und vor tausend. Vor hartgesottenen Rentnern in Klingenthal und vor schunkelnden Bikern im Allgäu. Er spielte Blues, Folk, Country, Weltmusik, Klassik und auch auf Wunsch „Durch den Monsun“ von Tokio Hotel. Er musizierte mit den Bands „Passat“ und „Pankow“, nach der Wende auch viel mit Stefan Diestelmann, der 1985 „rübergemacht“ war. Auf der Frankfurter Messe scharten sich begeisterte Japaner um Igor, in Klingenthal kreuzte ein Fan auf, der eigens aus der Schweiz angereist war, in Wittenberg beklebte ein ansonsten unauffälliger Mann ein ganzes Zimmer mit Igor-Fotos und -Artikeln.

Bei einem Konzert in der „Knorre“ in Friedrichshain wurde der dreißigjährige Igor von einer jungen Dame namens Yvette angesprochen. Ihr gefiel der hingebungsvolle Musiker mit den langen Haaren und dem schüchtern-warmen Ausdruck in den Augen. Für Yvette gab Igor schließlich die WG mit dem Tontechniker auf, in der sich die jungen Männer gerühmt hatten, eine Mark am Tag fürs Essen auszugeben. Die Leidenschaft für Yvette erlaubte Igor hin und wieder sogar, was ihm seine Freunde bislang gar nicht zugetraut hätten: zu streiten. Der Grund für gelegentliche Meinungsverschiedenheiten war Igors Zeitmanagement: Neben den Auftritten betrieb er ein Internetgeschäft für Mundharmonikas, baute Netzwerke für Musiker und Fans auf, brachte Struktur in die Arbeit manches Kollegen und programmierte mal eben kostenlos die Internetseite für einen Freund. Und dann musste er auch noch nach Chicago fliegen, um in bitterer Kälte Mundharmonikas auf dem Weihnachtsmarkt zu verkaufen, ohne dabei einen Cent zu verdienen. Obwohl Igor üblicherweise mit vier bis fünf Stunden Schlaf auskam, blieb nicht viel Zeit für die Beziehung. Erst nach der Geburt der Töchter Nastasja und Finnja verschob er seine Prioritäten ein wenig mehr zugunsten der Familie – dabei spielten die musikalische Früherziehung, Quizfragen beim Abendessen, Gedichte von Peter Hacks und Geschichten, wie die vom roten Bonbon, das in grünes Papier eingewickelt sein wollte, eine wesentliche Rolle.

Natürlich nahm er sich weiterhin Zeit für besondere Projekte: Eine antiallergische Glasmundharmonika sollte gebaut werden. Mit Tino Standhaft entstanden erste Neil-Young-Coverversionen auf Deutsch. Hin und wieder sah er sich in Sportbars American-Football-Spiele an, während er gleichzeitig, mit dem Laptop auf den Knien, Kundenanfragen seines Online- Shops bearbeitete. Im Kreuzberger „Sandmann“ besprach er seelenruhig mit einem Freund die Überarbeitung einer Internetseite am Bildschirm, um sich danach, gegen vier Uhr früh, unter den zechenden Radaubrüdern den nüchternsten zu greifen und mit ihm eine Partie Schach zu spielen.

Igors Bekanntheitsgrad wuchs. Kurz vor seinem 42. Geburtstag wurde er von Michael Hardy zu CD-Aufnahmen nach New York eingeladen. Die Reise konnte er nicht mehr antreten. Er war am Herz operiert worden, die Folgen des schweren Eingriffs rissen ihn am 8. März aus dem Leben.

Am kommenden Donnerstag, 10. April treffen sich Musiker und Freunde aus aller Welt zu einem Gedenkkonzert im Kesselhaus der Kulturbrauerei. Anselm Neft

0 Kommentare

Neuester Kommentar