Berlin : Igor Pikus: Auf der schwarzen Seite des Lebens

Katja Füchsel

Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, Wilhelm-Sander-Haus, Station 35. So also sieht eine geschlossene Abteilung für psychisch kranke Straftäter aus. Im Lichthof unter Zimmerpalmen spielt eine Vierer-Gruppe Karten. Ein Junge in T-Shirt und Jeans, höchstens Mitte 20, sitzt auf der Treppe, andere stehen gelangweilt in den Gängen. "Unsere Monster", sagt lächelnd Karl Georg Mai, der ärztliche Leiter der Station.

Hier, im Wilhelm-Sander-Haus, Station 35, hat Ben Pitter* viele Jahre seines Lebens verbracht. Heute lebt er in einer betreuten Wohngemeinschaft zwischen Bett, Schreibtisch und bunten Postern von Akte X und Star Gate. Die Gauloise dreht sich Ben Pitter selbst. In der Thermoskanne dampft grüner Tee, Pitter findet ihn "total lecker". Der junge Mann mit dem rundlichen Gesicht und den braunen Haaren hauste früher in einem Treppenflur. Im März 1990 trat er eine Wohnungstür ein und ging mit seinem Samuraischwert auf einen Bewohner los. Heute sitzt Pitter in der gelb-gestrichenen Küche des Weddinger Hinterhauses und fragt ganz lieb: "Tee? Kaffee? Selter?"

Pitter erzählt seine Geschichte, als lese er aus einer Akte vor. Routiniert klingt der Lebensbericht, sachlich die Beschreibung der Tat. Und zuweilen bedient der 35-Jährige sich dabei des Vokabulars des Staatsanwalts: "Dann habe ich ihm mit dem Säbel einen Hieb in Richtung Hals versetzt." Derweil zeichnen sich im Dämmerlicht auf der Gardine dieSilhouetten von Mulder und Scully, den Akte-X-Helden, ab. Die Polizisten merkten nach der Festnahme schnell, dass mit dem jungen Mann etwas nicht stimmt: Pitter zeigte sich bester Stimmung, erklärte euphorisch, dass er sein Opfer habe köpfen wollen. Er selbst wolle auch gern geköpft werden, "denn dies ist besser, als vom Panzer überrollt zu werden". Er sagte den Beamten, dass er gerne ins Gefängnis gehe, weil es da "so gutes Essen" gebe, lehnte aber das Protokollieren seiner Aussage ab. In seine Zellentür klemmte er einen Löffel, damit niemand unbemerkt eintreten könne. Den Händedruck mit dem Psychiater verweigerte er im Gerichtssaal, damit dieser "keine Macht" über ihn bekommen soll...

"Schizophrene Psychose", lautete die Diagnose. Deshalb konnten die Richter ihn nicht zur Verantwortung ziehen. "Gefährlich für sich und andere", lautete die Prognose des Gutachters. Deshalb wiesen die Richter ihn in den Maßregelvollzug der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik ein. Es ist ein helles, freundlich wirkendes Gebäude. Der Stacheldraht auf dem Dach ist erst jetzt, nach der Flucht von Igor Pikus, ausgerollt worden. Die Sonne scheint im Wilhelm-Sander-Haus, wo die geschlossene Abteilung der Klinik untergebracht ist, durch Panzerglas.

Hier saß auch Igor Pikus. Die Ärzte sagen, er habe nie hierher gehört. Noch vor der Flucht des Triebtäters Frank Schmökel aus dem Maßregelvollzug in Brandenburg hatte die Klinik in einem Brief die Justiz und die Gesundheitsverwaltung gewarnt. Pikus sei nicht psychisch krank, aber sehr gefährlich und drohe auszubrechen. Doch nichts geschah, auch nicht, als sich am Fall Schmökel die Diskussion um den Maßregelvollzug erneut entzündete.

Ein Tag im Wilhelm-Sander-Haus. Auf den vier Stationen sind die Ärzte nicht mit weißem Kittel und Stetoskop, sondern in Jeans und Pullover unterwegs. "Wir müssen dicke Bretter bohren", sagt der ärztliche Leiter Mai. Der Neurologe meint damit Menschen wie Pitter. Lange Zeit zeigte sich der junge Mann feindselig und abfällig, etwa 18 Monate verbrachte er fast nur auf seinem Zimmer. "Vor vier Jahren hat es sich langsam gedreht: Er schloss sich an, ging auf Gespräche ein, bekam ein anderes Medikament."

Auf der Station 35 leben Männer, die in ihrer Persönlichkeit gestört sind. Männer, die schwere Straftaten begangen haben. Männer wie Erik van Beer, ein Hüne mit Basecap und langen roten Haaren, verurteilt wegen Mordes. "Ich wollte damals zeitlebens eingesperrt werden", sagt der 28-Jährige, während er unter dem Tisch nervös mit seinem Knie wackelt. Van Beers Körper ist von Tätowierungen überzogen: Flammenähnliche Gebilde auf dem Hals, ein Sensenmann auf dem Arm, zwei Tränen unter dem Auge, Totenköpfe auf der Hand.

Sein Therapeut sagt, der Borderline-Patient sei etwas Besonderes. "Er ist einer der Wenigen hier, die wissen, dass sie gefährlich sind." Als van Beer 1994 vor Gericht stand, fand der Sachverständige viele Worte, um den psychisch Kranken zu beschreiben: durchschnittlich intelligent, leicht irritierbar, hochgradig sensibel, selbstunzufrieden, egozentrisch, menschenverachtend, ängstlich, aggressiv, depressiv, kontaktgestört, unter erheblichen Minderwertigkeitsgefühlen leidend...

Viele Menschen verleben eine furchtbare Kindheit, nur wenige tragen eine psychische Krankheit davon, ein Bruchteil wird gewalttätig - den genauen Auslöser kennt niemand. Van Beer ist, wie man so sagt, ein Junge aus gutem Hause. Der Vater Direktor einer deutschen Großbank, die Mutter eine studierte Psychologin. Er verlebte eine einsame Kindheit in Mariendorf, aufgewachsen zwischen Eltern, denen laut Gutachten der Beruf offenbar wichtiger war als die Familie. Als van Beer in die Pubertät kam, hatten sich für ihn auf alle Farben Grau- und Schwarztöne gelegt. Mit 18 nannte er sich rechtsradikal, nahm Drogen, spielte in der Band "Existenz unter Null", glorifizierte den Tod, die Apokalypse, Mystik und Nihilismus. Der Heranwachsende strich in seiner Wohnung alle Wände schwarz, verhängte die Fenster mit dunklen Tüchern, verließ wochenlang nicht das Haus, das Essen ließ er sich liefern. Damals fühlte er zum ersten Mal den Drang, einen Menschen zu töten.

"Um sich von seinen Ängsten zu befreien, entweder durch die erwartete harte Bestrafung oder um sich in die Lage zu versetzen, sich selbst zu töten", heißt es in dem Urteil.

Ein Mord als Befreiungsschlag: Am 22. Juli 1993 beschloss van Beer nach zwei missglückten Selbstmordversuchen, seine Freundin Simone im Haus seiner verreisten Eltern umzubringen. Er fesselte die 20-Jährige, schoss ihr fünf Mal in den Kopf, sechs Mal in einem symmetrischen Muster in den Rücken. Dann verteilte er drei Kerzen und die Patronenhülsen um die Leiche und fertigte ein Schreiben in einer Art Runenschrift: "Heil dem Schöpfer! Heil dem Protektorat! Heil der Zerstörung! Heil dem Tod!", stand darauf über einem Hakenkreuz. Van Beer bezeichnet sich als gläubiger Christ. Damals wie heute. Dann fügt er hinzu: "Aber was soll man machen, wenn man voller Hass ist?"

Van Beer ist einer von rund 420 Patienten im Berliner Maßregelvollzug, er lebt seit sechs Jahren fest verschlossen im Wilhelm-Sander-Haus. Andere kommen auch nach 20 Jahren nicht einmal für einen Ausflug raus. Das Unverständnis über die Neuruppiner Kollegen, die dem Triebtäter Schmökel trotz mehrfacher Ausbrüche Ausgang gewährten und so fast einen ganzen Berufsstand in Misskredit brachten, schwingt bei den Berliner Therapeuten eher zwischen den Zeilen mit.

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Herr Schmökel, der schon so oft versagt hat, bei uns Lockerungen bekommen hätte", sagt Marion Anthoff, die leitende Psychologin im Hause. Die Maßstäbe sind streng geworden. Wenn es um eine Erleichterung des Vollzugs geht, wird jeder befragt - vom Pfleger bis zum Ärztlichen Direktor. Und bei nur einer Gegenstimme, sagt Anthoff, ist die Lockerung abgelehnt.

Van Beer ist ein Patient, kein Strafgefangener. Bis auf die Nachtstunden kann er sich auf der Station frei bewegen. Darf tagsüber arbeiten: im Hausgarten, in der Tischlerei, der Töpfer-, Fahrrad- oder Textilwerkstatt. Er kann Fußball spielen oder in den Fitnessraum gehen, Gruppen- und Einzeltherapie in Anspruch nehmen. "Das ist ein riesiger, therapeutischer Apparat", sagt Mai. Rund 50 Millionen Mark kostet Berlin der Maßregelvollzug im Jahr. Sie sind dem Gedanken geschuldet, dass man der Sicherheit der Gesellschaft mit geheilten Patienten letztlich am meisten dient.

Doch was ist mit den hoffnunglosen Fällen, die auch nach Jahren jede Therapie verweigern? "Die laufen hier jahrzehntelang mit", sagt Mai. Denn bislang gebe es in Deutschland keine rechtliche Möglichkeit, gefährliche, aber unheilbare Fälle in einer gesonderten Anstalt nur sicher zu verwahren.

Den Staat kosten diese Menschen viel Geld, die Klinik vor allem Nerven. "Die Patienten sind Sprengstoff auf den ohnehin schon überbelegten Stationen."

Das auf und ab hüpfende Knie und der sich aufrichtende Oberkörper verrät, ob van Beer eine Frage behagt. Beim Thema Eltern prallt das Knie fast gegen die Tischplatte. Dann wird es wieder ruhiger, van Beer stützt sich auf die Ellenbogen, um eine Zigarette zu rauchen. Vier Mal täglich holt er sich seine Medikamente ab. Die Antidepressiva und Beruhigungsmittel lassen seine Welt ein wenig bunter und weniger bedrohlich erscheinen. Die Therapie hilft ihm, den Hass, die Wut und die Angst in andere Bahnen zu lenken. Heute bezeichnet van Beer den Mord an seiner Freundin als "eher peinlich, total sinnlos, völliger Dreck". Das Knie hüpft jetzt wieder.

Station 33. Sechzehn Sexualstraftäter leben hier, darunter auch Heinz Haller. Der kleinwüchsige Mann im Trainingsanzug ist pädophil. Mit 22 Jahren wurde er 1983 zum ersten Mal wegen Kindesmissbrauchs verurteilt. Die nächsten Verfahren folgten 1985, 1987, 1990. Jedes Mal saß Haller seine Strafe ab, danach lauerte er wieder Kindern in Schwimmbädern auf, nahm sie vom Spielplatz mit zu sich nach Hause, verging sich an einem Jungen aus seinem Fußballverein.

1994 standen erneut drei minder schwere Fälle zur Verhandlung - nie war es zu körperlicher Gewalt gekommen. "Dem Gericht habe ich erklärt, dass ich in die Psychiatrie will", sagt Haller, während er mit Sandalen und weißen Socken durch den Hausgarten schlendert.

Tatsächlich attestierte der Gutachter Haller in seinem fünften Prozess eine psychische Krankheit, genauer: "eine schwere neurotische Fehlentwicklung, die begleitet ist von depressiven, bis zur Suizidalität gesteigerten Verstimmungen und von einer verfestigten Pädophilie". Seit 1987 nimmt Haller in der Psychiatrie an einem neuen, speziellen Programm für Sexualdelinquenten teil. Haller ist mit seinem Vorschlag nicht billig davon gekommen: Er tauschte damals zwei Jahre und drei Monate Gefängnis gegen inzwischen sieben Jahre Psychiatrie ein - Ende noch nicht absehbar.

Haller war schon als Junge immer der Kleinste und tat groß im Kampf um Anerkennung: Er versagte in der Schule, störte im Unterricht, ignorierte die Hausaufgaben. Der Junge vergötterte seine Mutter, eine laut Gutachten unausgeglichene und impulsive Frau, überfürsorglich und gleichzeitig unfähig, ihrem Sohn das Gefühl zu vermitteln, anerkannt und geborgen zu sein. Als sich Hallers Freunde in der Pubertät gleichaltrigen Mädchen zuwandten, blieb für Haller die Mutter der Lebensmittelpunkt. Er hielt sich für hässlich, unterlegen, minderwertig - außer, wenn er sich mit Kindern umgab.

Seine Mutter, eine heute 70-jährige Dame, kommt Haller einmal in der Woche besuchen. Sie behauptet bis heute, dass die Schuld nicht bei ihrem Sohn, sondern bei den anhänglichen Kindern gelegen habe. Und Haller? Er empfindet "panische Angst", von seiner Mutter verstoßen zu werden. "Sie ist doch die Einzige, die mir geblieben ist", sagt der 39-Jährige.

Haller ist gestört, aber kein Idiot. Er wusste genau, was sein Therapeut von ihm hören wollte und erschlich sich über Monate Freigänge, die er heimlich mit seinem Neffen, neun Jahre alt, verbrachte. Doch bevor es zum Übergriff kam, offenbarte sich Haller dem Therapeuten - und bekam ein Jahr Ausgangssperre. Heute sagt Haller, für ein Leben in Freiheit, gebe es nur einen Weg. "Ich muss mich von kleinen Kindern fern halten."

Und er muss vermutlich erst einmal selbst etwas erwachsener werden. Wenn der Mann von seinem letzten Kinobesuch erzählt, glaubt man, plötzlich einem Jungen zuzuhören. Zur gegenseitigen Kontrolle hatten die Ärzte ihm und einem anderen Patienten einen gemeinsamen Ausgang genehmigt. Haller erzählt ganz begeistert: Ein schöner Abend, ein toller Film und zu McDonalds wollte er gleich zwei Mal gehen... "Aber von dem ganzen Eis und den Chips waren wir dann so satt, dass wir das zweite Mal gar nicht mehr geschafft haben!" Er strahlt wie ein Kind.

Derweil ist hinter Pitters Weddinger Hinterhaus die Sonne untergangen. Pitters Worte gleichen Peitschenhieben, seine Stimme scheint den Wetterbericht zu verlesen. "Ich bin im Namen Gottes großgeprügelt worden." Vater und Stiefmutter, beide überzeugte Zeugen Jehovas, schickten den 12-Jährigen zum Betteln von Tür zu Tür, stellten ihn mit dem "Wachturm" in die Fußgängerzonen. Als er mit 15 aufbegehrte und trotz des strengen Verbots Zigaretten rauchte, ordnete der "Älteste der Zeugen Jehovas" an, den Jungen "wie eine ausgeschlossene Person zu betrachten". Der Junge galt fortan als geächtet, musste aber weiterhin die Versammlungen der Sekte im Königreichssaal besuchen.

Mit 17 riss Pitter von zu Hause aus, mit 18 suchte niemand mehr nach ihm. Er lebte auf der Straße, verkaufte gestohlene Zigaretten am Frankfurter Hauptbahnhof. Ein paar Mal kam er ins Gefängnis. Im Winter 1990 bezog Pitter in einem Neuköllner Mietshaus, in dem eine alte Freundin mit ihrem Lebensgefährten wohnte, auf dem obersten Treppenpodest Quartier. Es kam zum Streit, in der Nacht zum 1. März rastete Pitter aus: Knotete sich ein Tuch um die Stirn, griff zum Säbel, trat die Wohnungstür ein, ging auf das Paar im Schlafzimmer los. Der Mann überlebte schwer verletzt.

Dann mischt sich plötzlich Wut in die Stimme des beleibten Mannes, in jedem Satz schwingen jetzt Ausrufezeichen mit: "Ich habe nie unter einer Psychose gelitten!" Pitter hat über diese Frage schon oft gestritten: mit den Richtern, Staatsanwälten, Gutachtern. Sein Therapeut hat das Diskutieren aufgegeben. "Pitter ist zwar nicht krankheitseinsichtig, aber behandlungseinsichtig", sagt Mai. Tatsächlich gehöre dieses Phänomen bei vielen Psychotikern zum Krankheitsbild. Aber in seinem "innersten Kern" wisse Pitter, dass ihm die Medikamente gut tun.

Als einen Segen bezeichnet auch Anthoff die Erfindung von Neuroleptika zur Behandlung psychotischer Patienten. Ungeklärt ist, weshalb die Medikamente ein Drittel der "Stimmenhörer" nicht anspricht und sie somit für eine Therapie unerreichbar bleiben. "Sind die Patienten gefährlich, bleiben sie bei uns, die Harmlosen enden oft als Obdachlose", sagt Mai. Es sind die armen Teufel, die man so oft mit Tüten beladen, vor sich hin sprechend, durch die Straßen der Stadt ziehen sieht.

Pitter hat die Etappen, die vor Brodowski und von Beer liegen, mit dem Einzug in die betreute Wohngemeinschaft hinter sich gelassen. Er arbeitet "mit großem Spaß" im Tageszentrum des Vereins "Albatros" hinter der Theke, verdient sich drei Mark die Stunde zur Sozialhilfe dazu. Einmal in der Woche geht er zur Therapie und zur Medikamenteneinnahme ins Wilhelm-Sander-Haus.

Als Scully und Mulder auf der Gardine kaum noch wahrzunehmen sind, knipst Pitter eine Lampe an. Auf dem Rückweg zieht er aus der Jeans eine Brieftasche hervor und lässt einen Zettel auf den Tisch segeln: seine Monatskarte. Ja und? "Damit kann ich 24 Stunden, Tag und Nacht durch Berlin fahren: Das ist Freiheit!" Jetzt strahlt auch Pitter.

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