Berlin : „Ihr fehlt das Fingerspitzengefühl“

Eine Krankenschwester soll in einem Lichtenberger Seniorenheim drei Patienten misshandelt haben – doch es gibt nur eine Zeugin

Sebastian Leber

Hannelore P. hatte panische Angst vor Wasser, schon immer. Um die geistig Behinderte zu baden, brauchte es viel Geduld. Vor allem, wenn sie sich wehrte, Hannelore P. wog schließlich 120 Kilogramm. Aber Geduld hatte die Krankenschwester angeblich nicht: „Mach die Füße auseinander, du fette Kuh!“, soll sie gebrüllt haben. Und: „Du musst weniger fressen!“ Dann soll sie die Frau auf den Hinterkopf geschlagen haben.

Der Vorfall ist vier Jahre her, Hannelore P. inzwischen verstorben. Die Krankenschwester aus einem Lichtenberger Seniorenheim sitzt nun auf der Anklagebank – wegen körperlicher Misshandlung in diesem und zwei weiteren Fällen. Die kleine, stämmige Angeklagte ist 51 Jahre alt. Sie sei eine ruppige Person mit einem „herrischen Umgangston“, behauptet Jana K. Die Pflegehelferin ist die einzige Zeugin für die drei Vorfälle, sie hat damals mit der Angeklagten auf derselben Station zusammengearbeitet. Nach dem ersten Vorfall habe sie noch „geschluckt und den Mund gehalten“, sagt Jana K. Weil sie damals neu im Heim war, und weil die jetzt Angeklagte ihr eine Begründung geliefert habe: „Mit manchen Bewohnern muss man so umgehen, sonst vergammeln die.“ Einige Tage später soll die Frau einer anderen geistig Behinderten ins Gesicht geschlagen haben, weil diese ihr Abendessen nicht zu sich nehmen wollte. „Dann gehst du ohne etwas zu fressen ins Bett“, soll die Angeklagte getobt haben. Schließlich habe sie einer dritten Bewohnerin auf die Wange geschlagen, weil die ihren Tee umgestoßen hatte. Und dann soll sie angeordnet haben, die Bewohnerin ohne Abendessen ins Bett zu schicken.

In den früheren Vernehmungen hat die Angeklagte alle Vorwürfe bestritten. Heute verweigert sie die Aussage. Der Stress des Verfahrens sei groß und sie leide an Bluthochdruck, erklärt ihre Anwältin. Die Krankenschwester sitzt die ganze Zeit mit versteinerter Miene auf ihrem Platz und verschränkt die Arme vor sich. Als die Zeugin aussagt, schüttelt sie manchmal mit dem Kopf, aber nur zaghaft. Jana K. sagt, sie hätte viel früher reagieren müssen, habe aber zu lange stillgehalten. „Deshalb mache ich mir Vorwürfe.“ Als sie dann die Vorfälle meldete, wollte die Dienststelle zunächst hart durchgreifen. Bis zum Gerichtsurteil, wahrscheinlich Anfang Mai, darf die Angeklagte aber weiterarbeiten.

Andere Kollegen haben keine Misshandlungen beobachtet. Die Frau sei „sicher nicht die ruhige Schüchterne“, meint die Pflegedienstleiterin. Und dass es schon vor den Vorfällen eine Abmahnung gegeben habe, unter anderem wegen des Umgangstons. Eine andere Kollegin sagt aus, dass die Angeklagte zwar eine gute Fachkraft, aber „vielleicht nicht so geeignet“ sei, geistig Behinderte zu pflegen. Dafür fehle ihr „das Fingerspitzengefühl“.

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