Berlin : Ihr Zug hat neun Jahre Verspätung

Eigentlich hätte die Straßenbahn 2006 zum Hauptbahnhof fahren sollen, jetzt ist von 2015 die Rede: Beim Bau lauerten die Überraschungen im Untergrund – doch es gab auch Abstimmungsprobleme.

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Geschichte wird gemacht. Vor dem Hauptbahnhof entsteht auf dem Mittelstreifen eine großzügige Haltestelle. Das geschwungene Dach soll die Fahrdynamik einer bremsenden und anfahrenden Tram symbolisieren. Montage: BVG
Geschichte wird gemacht. Vor dem Hauptbahnhof entsteht auf dem Mittelstreifen eine großzügige Haltestelle. Das geschwungene Dach...

Autofahrer quälen sich über eine Spur. Fußgängern bleibt teilweise nur eine unbefestigte Strecke zwischen Absperrungen, und auf dem ohnehin schmalen Weg kommt ihnen häufig auch noch ein Radfahrer in vollem Tempo entgegen. Vor den Häusern rattern riesige Bohrmaschinen, etwas weiter weg fahren Straßenwalzen mit einem Höllenlärm hin und her.

Seit 2011 wird so an der Invalidenstraße in Mitte und Tiergarten gebaut, um Gleise für eine 2,9 Kilometer lange Straßenbahnstrecke zu bauen. Immerhin: Im Herbst 2015 sollen die ersten Bahnen fahren. Mit einer Verspätung von nur gut neun Jahren. Geplant war, die Strecke zur Eröffnung des Hauptbahnhofs im Mai 2006 in Betrieb zu nehmen. Klagen hatten den Bau zunächst aber verzögert.

Aber nun geht es voran, die nächste Sperrung kommt: Am 30. August wird die Chausseestraße an der Kreuzung mit der Invalidenstraße in beide Richtungen gesperrt – für rund ein Jahr. Ehe dort die Gleise für die Straßenbahn gelegt werden können, muss die BVG den darunterliegenden Tunnel der U 6 (Alt-Tegel–Alt-Mariendorf) neu abdichten.

Die Chausseestraße, immerhin eine der wichtigen Nord-Süd-Verbindungen, wird so zur Sackgasse: zuerst zwischen der Schlegelstraße und der Invalidenstraße, später dann von der Zinnowitzer Straße bis zur Invalidenstraße.

Die Umleitung erfolgt in beiden Richtungen über Habersaathstraße–Scharnhorststraße/Schwarzer Weg–Invalidenstraße–Hessische Straße und Hannoversche Straße. Die Hessische Straße soll dafür wieder für den Verkehr freigegeben werden, gleichzeitig wird die Luisenstraße an der Einmündung in die Invalidenstraße gesperrt. Die Invalidenstraße selbst bleibt ab Hessische Straße Richtung Osten Einbahnstraße.

Verbunden sind die Arbeiten mit einem Abschied von einer kurzen Straßenbahnstrecke: Die BVG legt die Verbindung von der Kreuzung Invalidenstraße/Chausseestraße bis zur bisherigen Endstelle im Bereich der Schwartzkopffstraße auf Dauer still, auch wenn es zunächst nur „betriebsbedingt“ sei, wie BVG-Bauchef Uwe Kutscher am Freitag sagte. Am Montag verlässt der letzte Zug um 0.25 Uhr die bisherige Endstelle. Bahnen der M 6 von der Riesaer Straße in Hellersdorf fahren dann nur noch bis zum Hackeschen Markt. Die BND-Mitarbeiter können nach ihrem Einzug in ihr Hauptquartier den Arbeitsplatz so nur im Untergrund mit der U-Bahn erreichen.

Dass es mit der Baustelle nun wirklich vorangeht, soll nach Angaben von Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler in Zukunft auch zu sehen sein; nun werde verstärkt an den Gleisanlagen gebaut. Im Moabiter Bereich liegen sie bis auf eine kleine Lücke bereits seit mehr als einem Jahr, stellenweise ist von ihnen auf der Invalidenstraße weiter östlich aber immer noch nichts zu sehen.

Zwei Jahre habe man vor allem Leitungen und Rohre verlegen müssen, sagte Gaebler, denn unter den Gleisen dürfen keine liegen. Sonst müsste bei einer Reparatur der Straßenbahnbetrieb eingestellt werden. Bei den Leitungen im Untergrund habe es aber viele unliebsame Überraschungen gegeben, begründete Gaebler die lange Dauer der Arbeiten für die vergleichsweise kurze Strecke. Für den Bereich im ehemaligen Grenzgebiet seien keine Pläne mehr vorhanden, die DDR habe sie vernichtet. Zum Teil seien die Leitungen im Zick-Zack gelegt gewesen, Kanäle waren zugemauert. Schächte seien manchmal so groß gewesen, dass ein Einfamilienhaus hineingepasst hätte. Und dass die unterirdisch geführte Panke am Bundesverkehrsministerium nicht in einem Rohr fließe, sondern unter einer Brücke, habe man auch nicht gewusst. Das Bauwerk musste nun aufwendig saniert werden. Allerdings haben nach Tagesspiegel-Informationen auch Mängel bei der Planung und Abstimmung dazu geführt, dass sich die Arbeiten so in die Länge ziehen. Hier wolle man auch besser werden, versprach Gaebler.

Wenn alles gutgeht, sollen die Arbeiten Ende des Jahres vom Hauptbahnhof bis zum Schwarzen Weg abgeschlossen sein. Im Frühjahr will man so weit sein, sagen zu können, wann die ersten Bahnen fahren werden und ob es eine Zwischeneröffnung mit nur einer Linie gibt.

Drei Linien sollen zum Hauptbahnhof fahren: die M 6 aus Hellersdorf, die M 8 aus Ahrensfelde und die M 10 von der Warschauer Straße, die dann am Nordbahnhof einen Anschluss an die Gleise auf der Invalidenstraße erhält. Dort müssen sich die Bahnen wie auch in Moabit die Gleise mit dem Autoverkehr teilen. Eine eigene Trasse – mit einem Rasengleis – gibt es nur zwischen der Lehrter Straße und der Sandkrugbrücke.

Rund 30 Millionen Euro soll die Tramstrecke kosten, 23 Millionen Euro sind für den Leitungsbau vorgesehen und weitere 12,8 Millionen Euro für den Ausbau der Straße. Die Oberleitung für die Tram werde erst ganz zum Schluss angebracht, sagte Ralf Baumann von der BVG. Diebe sollten keine Möglichkeit haben, die stromlosen Leitungen zu klauen. Hängen sie, werde auch gleich Strom fließen, kündigte Baumann an.

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