Ihre Meinung : Hat Berlin zu viele Shopping-Center?

Berlin, Stadt der Shopping-Malls: Das neue Karstadt-Haus in Steglitz ist eröffnet - die letzten Ramschläden sind verschwunden. Erst vergangene Woche startete die "Mitte" am Alexanderplatz und in Zehlendorf wird schon der nächste Konsumtempel geplant. Hat Berlin zu viele Einkaufsmeilen? Was meinen Sie?

Bernd Matthies
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Auf dem Dach des neuen Einkaufszentrums in der Schloßstraße. -Foto: Peters

Was immer mit der Schloßstraße geschieht: Sie bleibt sich in der Umwälzung treu als grundbürgerliches Einkaufsziel. Begriffe wie „Boulevard“ oder „Flanieren“ verbieten sich angesichts der geschäftigen Wuselei zwischen Rathaus und Walther-Schreiber-Platz, Luxuslabel fehlen völlig, und selbst, wer nur die frivole Idee hätte, seine Einkäufe mit einem Glas Champagner zu feiern, der müsste schon sehr lange suchen. Andererseits: Auch der Absturz ist ferner denn je, der letzte Ramschladen hat sich lautlos vom Hof gemacht. Und insofern mag man sogar das trübe, eher nach Hoyerswerda als nach Berlin müffelnde Sortiment des Wochenmarktes auf dem Hermann-Ehlers-Platz positiv verstehen: So was kommt in die Läden nicht mehr rein.

Karstadt, seit jeher einer der Anziehungspunkte der Schloßstraße, hat sich schick hochgefönt zur Neueröffnung am Donnerstag. Die Leute strömen, drängeln aber kaum, bestaunen den metropolitanen Hauch des Erdgeschosses, das nach KaDeWe-Vorbild ganz danach trachtet, überschüssiges Geld für teure Düfte oder noch teurere Handtaschen abzusaugen. Die einstige Tristesse von Tesafilm, T-Shirts und Taschenbuch-Mängelexemplaren ist hier plakativ ersetzt worden durch urbane, wolllüstig duftende Eleganz – mal sehen, ob die eher zum Biedersinn neigende Stammkundschaft das auf Dauer zu schätzen weiß. Die Schloßstraße, schaumgeboren als Schaufenster des Wirtschaftswunders West, hatte enorme Schwierigkeiten, ihren Platz im neu sortierten Berlin zu finden. Nostalgiker erinnern sich noch an die Glanzzeiten von Bekleidungshäusern wie Ebbinghaus, Boeldicke und Leineweber, an den elitären Gaumenreiz der Feinkost von Nöthling, an die hinter Tennisschlägern versteckten Luxustextilien von Zenker. Nichts davon ist mehr vorhanden, alles untergegangen im Sortiment des schnöde Landläufigen, zusammen mit den schummrigen Ecken wie dem Born-Markt im Untergeschoss des Forums Steglitz, der als säuberlich durchgefegte Caipirinha-Meile auferstanden ist – aber immer noch Platz für das exzellente Fischangebot der alteingessenen Firma Nickel hat. Das ganz neue Schloss-Straßen-Center nebenan, dort, wo einst das Kaufhaus Held stand, ringt noch merklich um ein eigenes Profil.

Mehr als 50 Jahre am Platz ist Schreibwarenhändler Schmidt-Hagius; wer noch Älteres, Feineres will, der muss in den Nebenstraßen suchen, deren Händler mit Stelltafeln vorn verbissen um Wahrnehmung kämpfen: Schirm-Schirmer in der Kieler Straße wurde 1908 gegründet und kann Dinge, die Karstadt nicht kann, zum Beispiel Gehstöcke aus Ebenholz, mit Griff aus Silber beschaffen. „hifi elements“ in der Hubertusstraße zeigt Geräte, die nie im Ich-bin-doch-nicht-blöd-Markt verramscht werden, „Pot und Pepper“, auch in der Kieler, ist ein hoch spezialisierter Gewürzladen.

In der hoch aufbrandenden Shopping-Euphorie wird gern übersehen, dass viele der eiligen Schloßstraßen-Passanten andere Ziele haben. Kein Hausflur ist ohne Arztschild, die hier ansässigen Apotheken und Sanitätsläden könnten aus dem Stand ein mittleres Schwellenland mit Schmerztabletten und Stützstrümpfen versorgen, die Friseure der Gegend ganz Berlin innerhalb eines Tages mit Formschnitt und Dauerwelle aufmöbeln. Umgekehrt schmerzt das Fehlen jeder wenigstens mittelmäßigen Gastronomie, ein traditioneller Mangel der Straße, die immer noch täglich nach Ladenschluss in eine Art Schockstarre verfällt.

Dann rücken auch ihre dunklen Ecken wieder in den Blick, vor allem der düstere 70er-Jahre-U-Bahnhof mit dem leergeräumten „Bierpinsel“, und auch das nun verrammelte Wertheim-Haus drückt auf die Stimmung in der Mitte der sonst so umtriebigen Straße. Doch hier bleibt sowieso nichts, wie es ist. Das wird sich auch nach dieser neuen Umwälzung nicht ändern.

Berlin, Stadt der Shopping-Malls: Das neue Karstadt-Haus in Steglitz ist eröffnet - die letzten Ramschläden sind verschwunden. Erst vergangene Woche startete die "Mitte" am Alexanderplatz und in Zehlendorf wird schon der nächste Konsumtempel geplant. Hat Berlin zu viele Shopping-Center? Was meinen Sie? Diskutieren Sie mit!

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