Ihre Meinung : Wenn der Postmann zweimal schlingelt

An einem Tag kommt gar keine Post, dafür am nächsten umso mehr - nur leider erst am Nachmittag. Kennen Sie das oder sind Sie mit Ihren Postzustellern zufrieden? Diskutieren Sie mit!

Stefan Jacobs

An einem Tag kommt gar keine Post, dafür am nächsten umso mehr. Nur leider erst am Nachmittag, was vor allem für Firmen zu spät ist. Und samstags verstopfen Gratiszeitungen die Briefkästen. Doch nicht nur viele Kunden der Post sind frustriert, sondern auch die Zusteller. Die klagen zwar schon seit Jahren über immer mehr Arbeit – aber in den vergangenen Wochen sei es noch deutlich schlimmer geworden, ist zu hören.

„Die Zustellbezirke wurden dramatisch vergrößert“, sagt Benita Unger, die sich bei der Gewerkschaft Verdi um die Postdienste kümmert. „Etliche Kollegen haben mehr als 100 Überstunden angesammelt, die sie nicht abbauen können.“ Es gebe rund ein Drittel weniger Personal als vor zehn Jahren. Entsprechend mehr Arbeit haben die verbliebenen Mitarbeiter, weil zwar die Zahl der Briefe in Zeiten von E-Mails und Post-Konkurrenz gesunken sei, aber die Post dafür mehr Werbung akquiriere, die mit verteilt werden muss.

Ein Mitarbeiter aus einem Briefzentrum schildert ein drastisches Beispiel. In Grunewald habe man von Mitte September bis Mitte Oktober Protokoll geführt. Ergebnis: Von knapp erfassten 60 Touren hätten die Zusteller etwa 40 abgebrochen, weil auch nach zehn Stunden noch nicht alle Post verteilt war. Am jeweils nächsten Tag sei so umdisponiert worden, dass zumindest nicht wieder dieselben Briefe liegen blieben – sondern andere. Und „was Samstag nicht geschafft wird, wird meist auch Montag nicht geschafft.“ Der Sonnabend sei wegen der Werbehefte und einer Gratiszeitung besonders hart. Dass die Zusteller die voluminösen Zeitungen möglichst schnell loswerden wollen, hat ein Charlottenburger Tagesspiegel-Leser mehrfach erlebt: Er und seine Nachbarn hätten jeweils bis zu vier davon im Briefkasten.

Für die Zeitungszustellung seien zusätzliche Leute eingestellt worden, kontert Postsprecherin Anke Baumann. Es komme zwar vor, dass „mal ein kleiner Bereich am Ende einer Tour an einem Tag keine Post bekommt. Aber wir widersprechen der pauschalen Aussage, dass es nicht mehr zu schaffen ist.“ Die Qualität werde über 700 000 äußerlich nicht erkennbare Testbriefe pro Jahr kontrolliert. 95 Prozent davon seien am nächsten Tag da. Ohnehin gelte dieser Anspruch eher für voll bezahlte Briefe als für „Infopost“, also Massensendungen zum Sonderpreis. Die dürften bis zu vier Tage unterwegs sein. Dass mehr zu tun sei, begründet die Postsprecherin auch mit einem Tarifvertrag, in dem Verdi einer wöchentlichen Mehrarbeit von 50 Minuten zugestimmt habe, weil Pausen nicht mehr bezahlt würden. Zum selben Thema sagt eine Zustellerin: „Wir essen die Stulle nebenbei beim Einsortieren.“

Genaue Mitarbeiterzahlen gibt die Post nicht bekannt. Im Vergleich zur Vorweihnachtszeit 2007 sei der Personalbestand „ungefähr konstant“. Im Advent würden zusätzliche Hilfen eingestellt.

Nach Darstellung von Verdi beginnt bei der Post-Pakettochter DHL zurzeit eine ähnliche Entwicklung wie beim Briefgeschäft. Oder, wie es ein allzu eiliger Paketbote gegenüber einem Kunden ausdrückte: „Ich muss fix machen, sonst laufe ich hier noch nachts rum.“

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