Berlin : „Ihre Stadt steht in Flammen“

Vor 15 Jahren wurde die Mainzer Straße geräumt. Daran zerbrach Walter Mompers rot-grüner Senat

Lars von Törne

Die Hiobsbotschaft erreichte den Regierenden Bürgermeister in Moskau. „Ihre Stadt steht in Flammen!“, sagte der deutsche Botschafter zu Walter Momper, erinnert der sich. Es ist der 13. November 1990, Momper war eineinhalb Jahre zuvor zum Regierenden Bürgermeister Berlins gewählt und nach dem Mauerfall international berühmt geworden, und nun passierte daheim etwas, das den Sozialdemokraten kurz darauf sein Amt kosten sollte, während er in Russland weilt.

„Es war ein Schock“, erinnert sich Momper, der seit vier Jahren Präsident des Abgeordnetenhauses ist. Zwischen dem 12. und dem 14. November 1990 eskalierte in Friedrichshain die Gewalt rund um die besetzten Häuser in der Mainzer Straße. Am Morgen des 14. November räumen bis zu 3000 Polizisten die zwölf Häuser, in denen seit dem Frühjahr um die 300 Menschen in einem weitgehend rechtsfreien Raum gelebt hatten.

Beide Seiten gehen bei den tagelangen Auseinandersetzungen, die in der Räumung gipfeln, mit brachialer Gewalt vor, Vermittlungsversuche grünalternativer Politiker bleiben erfolglos. Momper spricht heute noch von den Besetzern als „Mörderbande“, wenn er berichtet, wie Pflastersteine und Gullydeckel auf Polizisten flogen und wie die Beamten hinterher auf den Dächern Fünf-Liter-Glasbehälter fanden, die als Molotow-Cocktails vorbereitet worden waren. „Die Chaoten nahmen in Kauf, dass Menschenleben geopfert werden.“ Nach einem mehrstündigen Häuserkampf bleiben auf beiden Seiten Dutzende Verletzte zurück, es gibt 300 Festnahmen. In der Folge werden alle anderen besetzten Häuser geräumt oder durch Mietverträge legalisiert.

Für manche Besetzer und ihre Unterstützer war „die Mainzer“ bis zu diesen drei Novembertagen eine verwirklichte Utopie. Der Traum vom selbstbestimmten Leben scheint in den aufregenden Monaten zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung wahr geworden zu sein. Die heruntergekommenen Häuser, die ab dem Frühjahr Besetzer anzogen, sind zum politischen Symbol geworden in jenem Sommer, in dem zwischenzeitlich mehr als 150 leer stehende Häuser im Osten der Stadt besetzt waren. Hier können die Besetzer, die mehrheitlich aus dem Westen kommen, sich ausleben – argwöhnisch beäugt von Nachbarn, von denen einige sogar Bürgerinitiativen gegen die Besetzer organisieren. Es ist für jede Spielart linksalternativer Lebensentwürfe etwas dabei, von Häusern mit radikal-autonomer Bewohnerschaft über das bunte „Tuntenhaus“, von Häusern mit eher undogmatischen Besetzern aus dem Osten bis zum feministischen „Lesbenmütterhaus“.

„Die Mainzer Straße war unsere Straße, auch wenn wir da nicht wohnten“, schreibt der damalige Sympathisant und taz-Journalist Uwe Rada rückblickend. Für Freke Over, damals einer der Sprecher der Besetzer und heute für die Linkspartei/PDS im Abgeordnetenhaus, ist die Zeit in der Mainzer Straße „eines der schönsten Projekte, das ich gemacht habe“. Er schwärmt bis heute von dem „kurzen Sommer der Anarchie“.

Die Situation eskaliert nach der Räumung dreier anderer besetzter Häuser. Rund um die Mainzer Straße demonstrieren Sympathisanten, sperren Teile der Frankfurter Allee. Die Polizei unter Führung des SPD-Innensenators Erich Pätzold reagiert mit Räumfahrzeugen und Wasserwerfern. Die Gewalt schaukelt sich hoch, bis in die Nacht dauern die Scharmützel. Rund um die Mainzer Straße bauen Besetzer Barrikaden.

Für Momper steht auch heute noch außer Zweifel, dass Polizei und Senat in dieser Situation keine andere Wahl hatten als zu räumen. „Die haben Gräben ausgehoben, in denen die Gasleitungen offen lagen, auf den Häusern sammelten sie Molotowcocktails und Steine – das konnten wir nicht hinnehmen.“ Während Momper zum Staatsbesuch nach Moskau reist, beschließt der Senat, die Mainzer Straße zu räumen. „Unter Einschluss der Grünen“, betont Momper und ärgert sich, dass seitens des einstigen Koalitionspartners, der damals Alternative Liste hieß, bis heute die „Legende“ gepflegt wird, die SPD habe sich über die Grünen hinweggesetzt, um vor der zwei Wochen später anstehenden Abgeordnetenhauswahl politisch zu punkten. „Das ist eine groteske Verkennung der Verhältnisse“, sagt Momper.

Zwei Tage nach der Räumung kündigen die Grünen die Koalition mit der SPD. Bei den Wahlen am 2. Dezember 1990 siegt die CDU, es folgen die Jahre der großen Koalition. Heute erinnert in der nach der Räumung sanierten Mainzer Straße nichts mehr an den kurzen Sommer der Anarchie.

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