Berlin : Ikea: Wie Deutschland auf den Elch kam

Clemens Wergin

Der Elch ist erlegt. Als Bettvorleger geendet, reckt er nur seinen Kopf mit dem schweren Geweih dem Besucher der Kommunalen Galerie in Wilmersdorf entgegen. Kein schlechter Beginn, geht es doch in der vom Vitra Design Museum in Weil am Rhein organisierten Ausstellung nur um eins: die Verelchung Deutschlands. Und die ging so: 1974 eröffnete der Schwede Ingvar Kamprad sein erstes Möbelkaufhaus in E(l)ching bei München. Und von da ab war alles anders. Der 68er Revolution folgte die Ikea-Revolution, die für die Möblierung der WGs sorgte. Ivar und Che Guevara wurden zu Nachbarn in Studentenzimmern.

"Democratic Design" ist der Titel der Ausstellung. Und demokratisch bedeutete bei Ikea erschwinglich. So sind die einzigen Herrschaftsinsignien, die hier zu sehen sind, die vergoldeten Imbusschlüssel auf einem dunkelblauen Samtkissen, welche in einfacherer Ausführung zu Millionen deutsche Werkzeugkästen verstopfen. Denn ein Ikea-Käufer ergab sich nur einer Autorität - den Bauanleitungen der Schwedenmöbel. Aber Ikea revolutionierte nicht nur Lebensstil und Wohnästhetik einer Generation im Aufbruch. Sie nahm auch einen Faden wieder auf, der seit der Vertreibung der Bauhäusler durch die Nazis fast abgerissen schien. Denn Gebrauchsgegenstände sollten nicht nur billig und somit für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich sein, sondern auch einen ästhetischen Mehrwert aufweisen.

Wer durch die in kleinen Wohnboxen sortierte Ausstellung schlendert, trifft auf alte Bekannte: Das Kontiki-Sofa aus Fichtenholz und naturfarbenen Polstern war schon in den 70ern im Programm. Und das Klippan-Sofa macht es nun auch schon seit 20 Jahren. Litfaßsäulen mit der Werbung aus drei Jahrzehnten zeigen, dass Ikeas Erfolg auch auf einer wirksamen Marketingstrategie beruht. Überschriften wie "am 13. August vermöbeln wir unsere Konkurrenz" führten zwar zu zahlreichen Unterlassungsklagen. Aber das Image des "umöglichen Möbelhauses" war geboren. Eine fröhliche Leichtigkeit, die durch den ironischen Elch unterstrichen wurde. Eigens für Deutschland erfunden, verschwand er erst 1983 aus dem Logo.

Der globale Siegeszug Ikeas ist der des 1926 geborenen Gründers. Und der Landschaft, aus der Ingvar Kamprad kam. Denn im kargen Smaland herrschte die Einfachheit der Armut, nichts wurde weggeworfen, alles wiederverwendet. 1950 hat Kamprad hier mit seinem Möbelhandel begonnen, ließ seine Pakete mit dem Milchwagen ausfahren. Schon damals sparte er dadurch, dass er den Zwischenhandel umging. Als Kamprad 1965 sein erstes großes Kaufhaus am Rande Stockholms eröffnete, war der Andrang so riesig, dass er seine Mitarbeiter aus der Warenausgabe an die Kasse beorderte: Das erste Möbelhaus mit Selbstbedienung war geboren. Heute ist Ikea ein Weltkonzern, der Katalog hat eine Auflage von 90 Millionen. Und immer noch gilt, was in Deutschland so Erfolg versprechend war: Die Produkte müssen an den lokalen Markt angepasst werden. So sieht man im Katalog für Saudi Arabien die beiden Beistelltischchen aus Kiefer vor einem riesigen arabischen Divan mit bestickten Kissen stehen. Denn das ist das demokratische am Ikea-Design: Es passt sich seinen Benutzern an.

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