• "Il Profeta" auf der Konradshöhe: Gute italienische Küche im Schatten einer Riesenkastanie

Berlin : "Il Profeta" auf der Konradshöhe: Gute italienische Küche im Schatten einer Riesenkastanie

Bernd Matthies

Im Grünen ist ja, unter uns gesagt, nicht viel los. Die Klage über den katastrophalen Mangel an ordentlichen Ausflugsrestaurants begleitet diese Kolumne wie das Continuo die Barocksonate, und daran ändern auch die Innenstadtwirte nichts, die jeden freien Quadratzentimeter Bürgersteig hektisch mit Stühlen und Tischen zuparken. Wir wollen Bäume, zwitschernde Vögel, Entspannung an lauen Abenden, und zwar, ohne erst in die Schorfheide zu dieseln. Müsste das in dieser, alles in allem, quietschgrünen Stadt nicht möglich sein?

Wenn diese Ouvertüre Sie jetzt auf einen echten Kracher eingestimmt hat, so bitte ich um Verständnis: Wunder kommen in der Berliner Gastronomie nur selten vor. Aber ein guter, seriöser Italiener mit überdurchschnittlicher Küche, einem von einer Riesenkastanie überwölbten Garten und erträglichem Straßenlärm - wäre das nicht was? Die nächste Einschränkung betrifft den Ort, denn Konradshöhe würden die meisten Lichtenrader vermutlich auch wegen eines Drei-Sterne-Restaurants nicht aufsuchen.

Dabei lohnt zu "Il Profeta" durchaus auch ein weiter Weg. Dieser Prophet gilt etwas im eigenen Lande, obwohl er nun wirklich keinem Avantgarde-Betrieb die Richtung weist; die Speisekarte draußen am Zaun schreckt sogar mit der üblichen Litanei der Pizzapasta. Merke: Die ebenso freundlichen wie kenntnisreichen Kellner möchten auch hier nach städtischem Muster die feinsten Dinge am Tisch vorzeigen und am liebsten jeden Gast zu einer individuellen Bestellung bewegen. Also äugen die Fische und Krustentiere vertrauenheischend, und es wird eine Platte mit vielfältig hausgemachten Nudeln vorgezeigt, schwarz und rot und gelb und gefüllt und ...

Aber erst einmal Vorspeisen. Hauchdünne Selleriescheiben mit Parmesan und etwas Vinaigrette - man muss kein Vegatarier sein, um das leicht und köstlich zu finden. "Funghi trifolati", im unserem Fall die ersten Pfifferlinge, kurz gebraten mit etwas Zwiebeln, Knoblauch und Speck, vermittelten gleichermaßen die mediterrane Leichtigkeit des Seins, ohne Schnörkel, ohne überflüssige Dekoration. Aus dem Nudelberg pickten wir uns nach dem Zufallsprinzip herrliche Pappardelle mit Hasenragout heraus, dazu Crespelle, also gerollte Crepes mit Spinat-Schinken- oder Lachsfüllung plus Bechamel; die sind zwangsläufig vorbereitet, als angenehme Abwechslung dennoch uneingeschränkt empfehlenswert.

Auch bei den Hauptgängen verlässt man sich beim Propheten ganz auf die klassisch (deutsch-)italienische Servierprozedur: Erst kommt der Salat, dann alles andere. Der Salat war (nach dezentem Nachwürzen) prima, die Hauptgänge gleichermaßen, vor allem das würzig gefüllte, sehr zarte Kaninchen. Einschränkung: die Oliven, die die Flussbarschfilets zusammen mit Kapern und Tomaten begleiteten, hätten gern von etwas höherer Qualität sein dürfen. Schließlich darf zum Dessert noch einmal die Servicebrigade ans Werk. Neben kompetent gemachten Klassikern wie Zuppa Inglese oder Creme Caramel versteigt sie sich zu höchst eigenartigen Kreationen, die merkwürdigerweise schmecken, Erdbeeren in Senf und Balsamico beispielsweise oder flambierten rohen Kartoffelscheiben mit Vanilleeis. Doch, das geht.

Schade, dass die Weinkarte knapp und sehr konventionell gehalten ist; dafür stimmen die Preise, wie wir an den bescheidenen 38 Mark für den zuverlässigen Pomino Bianco von Frescobaldi erkennen können. Auch sonst lassen sich die hohen Anreisekosten wieder einspielen, denn Vorspeisen um 15 und Hauptgänge bis etwa 30 Mark sind in der Innenstadt auf diesem Qualitätsniveau kaum noch zu haben. Wir beobachteten übrigens, dass es in der Küche einen Engpass gab, der zu Wartezeiten führte, uns aber nicht betraf. Diese Gefahr dürfte mit dieser Veröffentlichung eher zunehmen. Aber wer fährt schon nach Konradshöhe, wenn er es eilig hat?

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