Berlin : Illegal in Berlin: "Lügen, um zu überleben"

Maria Neuendorff

100 000 Illegale leben schätzungsweise in Berlin - ohne Papiere, ohne festen Wohnsitz, ohne Chip-Karte für den Doktor. Einen von ihnen haben wir besucht. Er erzählte uns aus seinem Leben im Verborgenen.

Nein, schwarzfahren würde P. nie, genauso wenig über eine rote Ampel gehen, oder sonst irgendwie gegen die Straßenverkehrsordnung verstoßen. Doch einmal, da hat er es getan. Da fuhr er abends mit einem Fahrrad, an dem das Vorderlicht nicht brannte. Auf der Oberbaumbrücke hielt ihn ein Polizist an. P. ist damals äußerlich ganz ruhig geblieben. Er hat sich höflich bei dem Polizisten entschuldigt und ganz viel geredet. Innerlich ist ihm das Herz in die Hose gerutscht, weil er Angst vor der Frage nach dem Ausweis hatte.

Die Frage, die zur Festnahme führen würde, in die Gefangenensammelstelle in Tempelhof und später ins Flugzeug nach Brasilien. Doch die Frage blieb aus und der Polizist ließ ihn ziehen. Damals hat P. gelernt, dass es Kleinigkeiten sein können, die zur Abschiebung führen und dass er immer auf der Hut sein muss.

Auf der Hut ist P. seit nunmehr fünf Jahren. So lange schon lebt er illegal in Berlin. Eine Aufenthaltserlaubniss bekommt er nur, wenn er eine deutsche Frau heiratet, oder eine Ausländerin mit Aufenthaltserlaubnis. Doch P. ist homosexuell. Auch ein Grund dafür, warum P. nicht in Brasilien leben möchte, sondern in Berlin, "in der Stadt, in der Schwule Hand in Hand auf der Straße gehen können, ohne etwas befürchten zu müssen". Der Brasilianer sagt das in einwandfreiem Deutsch. Das hat er auf der Straße gelernt und bei seiner Arbeit.

Ja, P. hat zum Glück eine Arbeit. "Viele Illegale werden kriminell, weil sie keine Beschäftigung finden," weiß P. Er hat es da einfacher, weil er so europäisch aussieht. Europäisches Aussehen mögen Arbeitgeber, die keine Papiere sehen wollen. Das verringert die Gefahr kontrolliert zu werden. Die Gefahr sei sowieso immer da.

Deswegen möchte P. lieber keine Einzelheiten über seine Arbeit in der Zeitung lesen. Nur soviel soll geschrieben sein, dass er seinen Lebensunterhalt in den Abend- und Nachtstunden in Berlins Cafes und Kneipen verdient, manchmal auch Musik macht. In den Lokalen knüpft er auch die Kontakte, die für ihn so wichtig sind. Denn manchmal ist jemand dabei, der für ein halbes Jahr ins Ausland geht, und dessen Wohnung bald leer steht. Dann hat P. wieder mal eine neue Bleibe gefunden, für kurze Zeit.

Elf Mal ist P. in den fünf Jahren umgezogen. Nie kann er sich wirklich einrichten, nie zur Ruhe kommen. Kaum eingezogen, muss er sich schon wieder nach einem Platz für die nächsten Monate umschauen, einen Menschen finden, der nicht zu viele Fragen stellt, und ihm trotzdem seine Wohnung anvertraut.

P. hat da Glück, dass er so kommunikativ ist. Leute kennen zu lernen fällt ihm leicht. Er hat inzwischen viele Bekannte in Berlin. Doch die wenigsten wissen von dem Schattendasein, das er führt. Für den einen ist er der Student mit dem Gaststipendium, für den anderen der Brasilianer mit der Englischen Staatbürgerschaft. "Lügen, um zu Überleben", ist P.s Motto geworden. Selbst wenn sich aus den Bekanntschaften Freundschaften entwickeln, dauert es oft Monate, bis er jemandem die Wahrheit über sich erzählt.

Nicht ohne Grund: P. hatschon zu schlechte Erfahrungen gemacht, wenn er seine wahre Geschichte erzählte. Schlichte Ablehnung, aber auch Erpressung hat er erlebt. "Ein Ex-Freund hat mir gedroht, mich an die Polizei zu verraten, wenn ich nicht zu ihm zurück komme", erzählt P.

Seit der Geschichte mit dem Ex-Freund ist P. noch vorsichtiger geworden. Nur einmal blieb ihm nichts anderes übrig, als ehrlich zu sein. Das war als er krank wurde. "Hepatites B", lautete die Diagnose, für die P. 150 Mark in der Charité bezahlt hat. Mit dem Wissen, dass er das Geld für die Behandlung nicht aufbringen konnte, schleppte er sich damals von Praxis zu Praxis und erzählte seine wahre Geschichte. Eine Ärztin am Kurfürstendamm setzte ihn sofort vor die Tür. "Verschwinden sie, wer nach Deutschland kommt, sollte wissen, dass man für alles zahlen muß", habe sie ihm hinterher gebrüllt. Von einem anderen Arzt musste er sich als "Parasit" beschimpfen lassen. "Der wußte genau, dass ich nichts gegen ihn unternehmen kann", sagt P.

Fast ein halbes Jahr war P. krank, ging trotz Schwäche und Schmerzen arbeiten, um sich ernähren zu können, und den Job nicht zu verlieren. In der Zeit hat P.auch viel Solidarität erfahren, Ärzte kennengelernt, die ihn ohne Bezahlung untersuchten. Am dankbarsten ist P. der Pharma-Firma, die ihm kostenlos Medikamente überließ. Medikamente, deren Verfallsdatum zwar schon erreicht war, die ihn aber schließlich gesund machten. "In Brasilien wäre ich krank geblieben", ist sich P. sicher.

In Brasilien will P. auch gesund nicht mehr leben. In Brasilien verdient ein Ingieneur weniger als hier ein Hilfsarbeiter. "Nur wer korrupt ist, kommt dort weiter, man lebt immer unsicher". P. hat Deutschland immer mit Sicherheit in Verbindung gebracht. Sicherheit auf den Straßen und soziale Sicherheit. Dass Menschen wie er hier trotzdem ein unsicheres Leben führen, war ihm gar nicht richtig bewusst, als er vor fünf Jahren als Tourist kam und und einfach nicht zurückflog. Damals hat er sich "verliebt" in Berlin, war begeistert von der Kultur, dem vielen Grün, der Lebensqualität. Inzwischen ist ihm klar geworden, dass er nie wirklich dazu gehören wird, "nicht wirklich existent" ist, wie er es ausdrückt. Nun weiß P., dass er hier nie eine eigene Wohnung mieten, ein Konto eröffnen oder Rentenbeiträge einzahlen kann. Aber bleiben kann er, wenn er vorsichtig ist. Und das ist er, denn Berlin ist seine Heimat geworden.

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