Berlin : Ilse Brahm (Geb. 1911)

Sie öffnet die Tür, die Augen meerblau, ein wenig müde, das Haar tiefrot.

Tatjana Wulfert

Die zwölfjährige Edda hüpft lustlos die Treppe in der Hessenallee hinunter, zieht gähnend die schwere Haustür auf, dahinter der graue Berliner Morgen, Menschen, die Köpfe gesenkt, gegen die kalte feuchte Luft.

„Guten Morgen“, sagt eine helle, freundliche Stimme. Edda schaut auf. Schaut in das Gesicht einer Dame, meerblaue Augen, tiefrotes Haar, hochgesteckt, um den schmalen Hals eine Kette aus Brillanten. „Mein Name ist Ilse Brahm. Ich wohne seit kurzem hier. Wie heißt du denn?“ Edda streicht ihren aschfarbenen Mantel glatt. „Edda“, sagt sie. – „Bis bald, Edda. Wir werden uns jetzt bestimmt öfter sehen.“ Die Dame nickt noch einmal aufmunternd, betritt dann das Haus. Edda steht bewegungslos, starrt ihr hinterher, bewundert die elegante Jacke, lauscht den verhallenden Schritten der dünnen Absätze.

Die Kirchturmuhr schlägt achtmal, Edda rennt los, kommt als Letzte in die Klasse, ist unruhig, den ganzen Tag, denkt immer nur, so möchte ich einmal sein, wie Ilse Brahm.

Ilse Brahm wächst auf in Dresden. Am Abend des 13. Februar 1945 werfen britische und amerikanische Flugzeuge Bomben auf die Stadt. Luftschutzbunker gibt es kaum. Am 14. Februar beginnen die Angriffe zur Mittagszeit. Ilse, die Schwester, die Eltern hetzen durch unterirdische Gewölbe, hinaus auf die Elbwiesen, unter dem Arm Decken, die sie in den Fluss tauchen und sich nass über den Kopf legen.

Anfang der fünfziger Jahre geht Ilse nach Berlin, zusammen mit ihrer Schwester, die als Mannequin für den Modeschöpfer Heinz Oestergaard arbeiten soll. Sie sitzt am Rand des Laufsteges, bestaunt die Kleider, die Hüte, die vornehmen Herren, die den Damen zum Gruß die Hand küssen.

Eines Tages muss Ilse in die Hessenallee, in die Praxis eines Röntgenarztes. Sie betritt das Behandlungszimmer, ein graumelierter Herr, der sie aus warmen klugen Augen mustert, kommt ihr entgegen, lächelt. „Guten Tag, Friedrich Brahm mein Name. Was kann ich für Sie tun?“ Ilse bringt kein Wort hervor, denkt nur: Das ist der Richtige. Sie heiraten. Ilse zieht in die Hessenallee.

Edda und Ilse sehen sich täglich. Edda erzählt Ilse vom Konservatorium, der Oper, ihren Träumen. Ilse bewundert Eddas Begabung, ihre Disziplin, sie sagt: „Eddelchen, kommen Sie doch einmal zu uns zum Abendessen.“ Edda klingelt in ihrem schönsten Kleid, Ilse öffnet die Tür, führt sie in den Salon, schimmerndes Mahagoni, weiche Teppiche, Edda kann sich nicht satt sehen. Sie trinken Wein vom Rhein, lachen, sprechen. Edda möchte wissen, wie es war, damals, in Dresden. Ilse stellt abrupt ihr Glas auf den Tisch. Schweigt. Dann sagt sie leise: „Das Dresden vor der Zerstörung kommt nie wieder.“

Edda geht in die Welt. An die Wiener Staatsoper, die Metropolitan Opera, nach Dresden, wo sie ein Konzert zum Gedenken an die Luftangriffe gibt. Ilse sitzt in Berlin, nah am Radio, hört Edda singen und weint.

Sie lebt mit Friedrich, glücklich, liest Eddas Karten und Briefe, die Anekdote von dem Dresdner Stollen, den Edda suchte, mitten in New York. Bisweilen fährt sie nach Dresden, längst sind ihre Eltern tot, sagt: „Dort habe ich nur noch meine Gräber.“

Hin und wieder kommt Edda nach Berlin. Nach einem Liederabend in der Philharmonie fahren Friedrich, Ilse und Edda gemeinsam nach Hause. Im Auto löst Ilse ein Armband aus Brillanten von ihrem Handgelenk, reicht es Edda. „So schön haben sie gesungen.“

Friedrich stirbt. Ilse und Edda telefonieren oft miteinander. Sprechen über das Leben. Manchmal sagt Edda: „Ich besuche Sie jetzt, sofort.“ Ilse antwortet: „Ach Eddelchen, ich seh’ nicht aus, kommen Sie nicht.“ Eine halbe Stunde später klingelt Edda in der Hessenallee. Ilse öffnet die Tür, an ihrem seidenen Kleid eine brillantbesetzte Brosche, die Augen meerblau, ein wenig müde, das Haar tiefrot, hochgesteckt. Sie führt Edda in den Salon, am Fenster ein zerbrechlicher Mahagonitisch, darauf Fotos von den Eltern, von Friedrich. Sie sagt: „Jeden Tag bringe ich Blumen zum Friedhof, dann bleibe ich lange bei ihm.“

Ilse stirbt. Edda kommt an diesem Abend nach Hause, denkt, ich muss Ilse anrufen. Greift zum Telefonhörer, legt ihn wieder auf. Tatjana Wulfert

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