Berlin : Ilse Göttel-Dauber (Geb. 1948)

„Los, die Sonne scheint, wir unternehmen was“

Zweibrücken, Anfang der Siebziger, bald ist Weihnachten. Zwei Autos auf der Landstraße, unterwegs in entgegengesetzter Richtung. Die Fahrer wohnen nicht mehr in Zweibrücken, sie studieren in anderen Städten, sind gekommen, um ihre Familien zu besuchen. Sie fahren zügig, jeden Moment werden sie aneinander vorbeifahren. Aber sie fahren nicht aneinander vorbei. Sie bremsen scharf und bleiben mitten auf der Straße stehen. Aus dem einen Auto steigt ein junger Mann, aus dem anderen eine junge Frau. Sie haben sich erkannt in ihren Autos, Ilse und Karl-Heinz.

Gekannt haben sie sich schon vorher, wie man sich eben so kennt, von Feten. Ilse war auf das neusprachliche Gymnasium, Karl-Heinz auf das mathematische gegangen. Auf dem neusprachlichen lernten fast nur Mädchen, auf dem mathematischen fast nur Jungs. Um einander zu treffen, besuchte man Feten und die Clubs der Amerikaner. Bei den Amerikanern lief Swing und Soul, nicht nur deutsche Schlager wie bei Ilse und Karl-Heinz zu Hause.

Sie kannten sich also, und etwas war da, das spürten sie, aber keiner sprach es aus. Mal ein Eis, mal ein Blick, mehr nicht. Ilse mit dem großen Sprachtalent studierte Romanistik und Anglistik in Mainz und Saarbrücken, hatte ein halbes Jahr in England verbracht. Ihr Sprachgedächtnis war bemerkenswert. Sie hörte ein Wort einmal, sie sah ein Wort einmal, und sie vergaß es nie wieder. Andere schrieben Karteikarten mit Vokabeln voll, legten Karteikartenkästen an; Ilse brauchte das alles nicht.

Später, als Ilse und Karl-Heinz schon verheiratet waren, als Ilse in Berlin unterrichtete, als Timo auf der Welt war und sie zu dritt in die Ferien fuhren, vor allem nach Frankreich, dann zogen Timo und Karl-Heinz Ilse auf und spielten die Begriffsstutzigen. Sprachen französische Worte sehr deutsch aus oder benutzten falsche Vokabeln, und Ilse, die Lehrerin, korrigierte kopfschüttelnd einen um den anderen Fehler, und die beiden grinsten sich dann unauffällig zu. Manchmal verschworen sich auch Ilse und Timo gegen Karl- Heinz, rissen Witze über ihn, und er ließ es sich gefallen, gutmütig und froh. Zweimal hatte er von Ilse den Auftrag bekommen, die Urlaubsreise zu organisieren. Zweimal ging es schief. Ilse konnte so etwas perfekt.

Ihre Unabhängigkeit war ihr wichtig. Eigenes Gehaltskonto, eigenes Auto. Beweglichkeit. Es musste immer etwas passieren. „Los, Timo“, sagte sie, „die Sonne scheint, beweg dich, wir unternehmen was.“ Sie unternahm ja selbst immerfort etwas. Als sie den Abiturvorsitz für deutsche Schulen im Ausland übernommen hatte, nach Rom, Paris und London fahren durfte und Karl-Heinz ihr an den Wochenenden hinterherflog. Die Schüleraustauschfahrten. Die Theater-AG.

Sie hatte an einem Oberstufenzentrum unterrichtet, aber den Schülern dort war Französisch und Englisch egal. Also lief Ilse aufs Schulamt und der Schulrat sagte: „Am Einstein-Gymnasium ist gerade eine Stelle frei.“ Einige Jahre später sagte der Schulleiter des Einstein-Gymnasiums: „Bei der Schulverwaltung wird jemand gesucht …“ Man ernannte sie zur Schulrätin und dann zur Oberschulrätin. Der französische Botschafter machte sie zum „Chevalier dans l’Ordre des Palmes Académiques“, eine der höchsten französischen Auszeichnungen für Verdienste um das Bildungswesen.

Ilse las, besaß hunderte Bücher. Sie kochte hervorragend. Hörte Hörbücher. Lachte immerzu. Fuhr Fahrrad und lief und spielte Tennis. Und dann, während eines Tennisspiels, konnte sie plötzlich nicht mehr den Arm heben. Ihre Schrift wurde krakelig. Alles ging immer langsamer. Parkinson, sagten die Neurologen und als sie nicht weiter wussten: Multisystematrophie. Ilse hielt die Unbeweglichkeit kaum aus. Der Rollstuhl, in den sie musste. Der Verzicht auf ein Glas Wein, auf ein schönes Essen, auf das leichte Zusammensein mit Timo, den Enkelkindern, mit Karl-Heinz. Sie hatten doch immer jeden Abend gemeinsam verbracht, hatten geredet über alles. Sind zusammen los aus Zweibrücken, damals, mitten auf der Landstraße.

Jetzt sitzt Karl-Heinz allein auf der Couch, er liest in der Zeitung, er schläft ein wenig ein, er wacht auf, und Ilse ist nicht da.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben