Berlin : Ilse Kock (Geb. 1926)

Ihre Familie, das war ihre Schule. Wer sich nicht einfügte, der ging

Kerstin Römer

Der Briefkasten wurde mehrere Tage nicht geleert. Nachbarn riefen die Polizei. Ilse Kock war in ihrer Wohnung gestorben, dort, wo sie mehr als 40 Jahre lang gelebt hatte. Allein gelebt, denn „Lieber gar nicht verheiratet als schlecht verheiratet.“ Ilse Kock stellte hohe Ansprüche – nach Ansicht einiger ihrer ehemaligen Kolleginnen vielleicht zu hohe. Vielleicht war Ilse Kock ihrer Zeit auch nur voraus und entschied den klassischen Konflikt zwischen Beruf und Familie zugunsten ihres Berufes als Lehrerin und später Schulrektorin.

Über Ilse Kocks Kindheit und Jugend ist wenig bekannt. 1926 geboren, aus dem Osten geflohen, bei Kriegsende in Berlin. Auf einem Treck während ihrer Flucht hat sie begonnen Kinder zu unterrichten, so erzählte sie. Ohne darauf einzugehen, was sie sonst auf dieser Flucht erlebt hatte.

Ende der sechziger Jahre ist Ilse Kock Konrektorin an der Käthe-Kollwitz- Schule in Lichtenrade. In dem noch dörflich geprägten Stadtteil entsteht eine moderne Hochhaussiedlung, die sich zu einem der „sozialen Brennpunkte“ von Berlin entwickelt. 1972 wird dort die Nahariya-Grundschule noch auf freiem Feld eröffnet, und Ilse Kock wird als Rektorin berufen. In den Pausen lässt sie anfangs kurzerhand die Straße absperren und erklärt sie zum Pausenhof.

Wie in einer großen Familie habe man sich gefühlt, erzählen die Kollegen, die von Anfang an dabei waren. Wer sich in diese Familie nicht einfügen kann oder will, der geht. Oder fliegt, je nach Perspektive. Ilse Kock fordert bedingungslose Unterordnung. Jedes Zeugnis wird von ihr geprüft. Findet sie Fehler oder hat sie den Eindruck, der Stil sei zu negativ, muss der Lehrer das Zeugnis noch mal schreiben und motivierende Formulierungen für seine Schüler finden.

Ilse Kock ist eine Patriarchin, eine, deren Führungskompetenz niemand anzuzweifeln wagt. Aber auch eine, die es lockerer angehen kann: „Bevor wir uns aufregen, trinken wir erst mal einen Cognac.“ Kommt ein Lehrer mit einer unkonventionellen Unterrichtsidee zur ihr, die sie überzeugt, unterstützt sie ihn, notfalls auch gegenüber der Schulbehörde. So etwa 1981, als Schüler, Lehrer und ihre Rektorin gemeinsam den ersten Friedensprojekttag an einer Berliner Grundschule feiern und über 1000 Friedenstauben und Luftballons mit Friedensbotschaften in den Himmel aufsteigen lassen. Sieben Jahre später verabschiedet sich Ilse Kock mit einem großen, bunten Fest von ihrer Schule. So ganz anders als ihr leiser Abschied aus dem Leben in diesem Sommer.

Für ihre ehemaligen Schüler und Kollegen, den Freundeskreis, die Mitstreiter der Lehrer-Gewerkschaft, in der sie auch nach ihrer Pensionierung Mitglied geblieben ist, gibt es keine Trauerfeier, keinen Ort, an dem sich alle gemeinsam von ihrer Direktorin verabschieden können. Ilse Kock wird anonym beigesetzt.

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