Berlin : Ilse Sommerlad (geb. 1910)

„Du musst das nur wollen“, war der Leitspruch ihrer Schwester.

Sandra Stalinski

Ilse war eine geborene Liebe. Ausgesucht hat sie sich das nicht. Schon als Kind kümmerte sie sich aufopfernd um ihre blinde Schwester Annelise Liebe. Mutter Liebe wollte es so. „Lobe den Herrn alle Tage! Gott hat dir eine Last auferlegt, doch er hilft dir, sie zu tragen“, lautete der Konfirmationsspruch, den der Pfarrer für Ilse ausgesucht hatte.

Um der jüngeren Annelise jederzeit zur Seite zu stehen, musste Ilse sitzen bleiben. Von da an machten die beiden alles gemeinsam: den Schulweg, die Hausaufgaben, Schlittschuhlaufen, Arm in Arm auf vier Kufen.

Für ein paar kurze Jahre trennten sich die Wege der Schwestern, es waren die goldenen Zwanziger. Ilse ließ kein Tanzfest aus. Sie stand an der Bar, brauner Bubikopf, kurzer Rock, feurige Augen, umringt von jungen Männern. Sie kippte ein Glas Sekt nach dem anderen. Bernhard, ihr Zukünftiger, stand entfernt und hatte längst ein Auge auf sie geworfen: „Wie soll ich mir die bloß leisten können?“ Seine Mutter warnte ihn: „Wenn du die nimmst, heiratest du die Schwester mit.“ Er ließ sich nicht beirren, und Ilse wurde eine Sommerlad.

Es kam der Umzug von Halle nach Berlin, der Krieg, die erste Tochter. Schwester Annelise zog der Familie hinterher. Von da an wohnte sie bei Ilse, ihr Leben lang. Ilse lernte nie einen Beruf, Annelise machte Karriere. Die als Kind Erblindete wollte nie zurückbleiben: „Was ihr könnt, kann ich auch!“ Sie studierte Musikwissenschaften, arbeitete fürs Radio und bekam schließlich eine Assistentenstelle an der Universität. Und Ilse, die treue Seele im Hintergrund, begleitete sie auf Ämter, zu Bewerbungsgesprächen und Blindeneinrichtungen. Dabei durfte sie sich nie als Annelises Schwester ausgeben. Als sie es mal getan hatte, hatten die Leute mehr mit ihr als mit der Blinden selbst gesprochen.

Nach dem Krieg genügte das Geld, das Annelise beisteuerte, nicht mehr. Bernhard kam erst 1948 aus britischer Gefangenschaft und verdiente wenig. Ilse ging hamstern. Sie tat, was sie konnte, Hauptsache die Familie war versorgt. Für Zärtlichkeiten war sie nicht zuständig. Zum Schmusen ging Ilses Tochter lieber zur Großmutter. Auch die schlechten Schulnoten unterschrieb die Großmutter. Die Mutter war ja meist mit Tante Annelise beschäftigt.

Mitte der Fünfziger bezogen alle gemeinsam ein Haus in Lichterfelde. Annelise wohnte oben, Ilse und Familie unten. Die Konflikte blieben nicht aus. „Du kannst ja heute Abend auch mal bei mir bleiben“, bat ihr Mann. Und Annelise rief von oben: „Wir müssen jetzt mal was besprechen!“

Nur in ihrem Garten war Ilse ganz bei sich. Da konnte rufen, wer wollte. Stundenlang grub sie Beete um, pflanzte Stauden, riss Unkraut aus der Erde. Irgendwann kam sie zurück ins Haus, das Rückgrat verbogen, aber glücklich.

„Ein Indianerherz kennt keinen Schmerz“, sagte sie. Niemand kann sich erinnern, dass Ilse je für längere Zeit ausgefallen wäre. Mal ein Schnupfen, vielleicht eine Grippe, aber nie ein Grund, sich ins Bett zu legen. Ein einziges Mal in ihrem Leben war Ilse ernsthaft krank, Krebs. Das dauerte nicht lange. Ein paar Tage nach der Operation stand sie wieder in der Küche. „Du musst das nur wollen“, war der Leitspruch ihrer Schwester. Das sagte sie auch, als sie die 94-jährige Ilse nach einem Oberschenkelhalsbruch mit dem Rolator zu Reichelt schickte. Es musste doch auch ohne Haushaltshilfen gehen, fand Annelise.

Vielleicht bewunderte Ilse ihre Schwester deshalb so, weil die wusste, was sie wollte. Annelise setzte sich durch und brachte es zu etwas. Sogar das Bundesverdienstkreuz hat sie bekommen für ihr Engagement im Blindenhilfswerk. Ilse stand daneben, als Annelise die Ehrenmedaille überreicht bekam. An diesem Abend wurden Menschen geehrt, die ihr Leben selbstlos für Behinderte eingesetzt hatten.

Eigentlich waren die Schwestern ein Herz und eine Seele. „Wir haben uns noch nie in unserem Leben gestritten“, ließen sie verlauten. Die Zwillinge von Lichterfelde. Immer sah man sie Arm in Arm durch die Straßen laufen. Nur manchmal soll es vorgekommen sein, dass Ilse nicht ganz so wollte wie die Schwester. Doch die gab nicht nach, so lange, bis Ilse den Tränen nahe war: „Jetzt hör endlich auf, ich mach ja schon, was du willst.“

Nach Annelises Tod schrie Ilse verzweifelt auf. Nach ein paar Tagen fasste sie sich. Und verbrachte von jetzt an die meiste Zeit in ihrem Sessel am Fenster, ruhig nach draußen blickend, die Gesichtszüge entspannt. Manchmal, ganz versunken, erwiderte sie auf Vorschläge: „Da müssen wir erst Annelise fragen.“ Sandra Stalinski

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