Berlin : Im Adlon des Ostens

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Von Amory Burchard, Moskau

Im Berlin Haus, das Klaus Wowereit am Montagmorgen gemeinsam mit seinem Moskauer Amtskollegen Jurij Luschkow in der russischen Hauptstadt eröffnet, hat ein russischer Künstler soeben ein symbolträchtiges Wandgemälde vollendet. Es zeigt einen Händedruck in sozialistisch-realistischer Manier. In eine noch frühere Epoche der russischen Geschichte wird Wowereit in seinem nur 500 Meter vom Berlin Haus entfernten Hotel zurückversetzt. Das Metropol, in dem Luschkow den Regierenden und zwölf Begleiter untergebracht hat, ist ein Monument des russischen Jugendstils.

Als das Hotel 1901 eröffnet wurde, nannten es die Moskauer den „Babylonischen Turm des 20. Jahrhunderts“. Das fünfstöckige 400-Zimmer-Haus füllte einen ganzen Block am Rande des Roten Platzes. Die von weißen Türmchen gekrönte Fassade ist mit reichen Stuckreliefs geschmückt. Als Sensation galt jedoch das gigantische Fassaden-Mosaik nach einem Motiv des russischen Malers Michail Wrubel. Es zeigt die Prinzessin Melisande am Totenbett eines legendären mittelalterlichen Barden als Göttin des Jugendstils. Die Innenausstattung des Metropol war nicht weniger überbordend: Marmorne Böden, blattgoldverzierte Säulen, üppige Messingleuchter, ein gläserner Aufzug und schließlich das monumentale Oberlicht des zentralen Speisesaals. Und das Metropol war das erste Hotel Russlands, das seinen Gästen fließendes warmes Wasser, Kühlschränke, Fahrstühle und Telefone bot. Die Berliner, wie die Moskauer bekannt für ihre Lust, imposanten Bauwerken Spitzn zu geben, hätten das Metropol wohl „Adlon des Ostens“ getauft.

Das Hotel hat äußerlich nichts von seiner Pracht eingebüßt. Zuletzt wurde es 1991 originalgetreu renoviert. Allerdings gab es Zeiten, in denen im Metropol ein rauerer Ton herrschte. Als die bolschewistische Regierung 1918 von Petersburg nach Moskau umzog, requirierte sie das Gebäude als Sitz des All-Russischen Zentralen Exekutivkomitees. Im sogenannten „Zweiten Haus der Sowjets“ lebte und arbeitete unter anderem Jakov Swerdlow, der berüchtigte Komitee-Vorsitzende. Der glühende Marxist lehnte es ab, eines der reich möblierten Hotelzimmer zu beziehen, sondern ließ sich eine Ecke im Korridor als Büro einrichten.

Wowereit bewohnt eine „Zweizimmerige Luxus-Suite“. Damit rückt er in historische Nähe zu Bertolt Brecht, den die sowjetische Kulturadministration 1941 im Metropol unterbrachte. Ein Freund, der ihn besuchte, notierte: „Brecht bewohnt eine typische zweizimmerige Luxus-Suite – hohe Decken, geräumig.“ Wowereits erster Eindruck: „Sehr schön, mit gefällt dieser Stil ja.“ Seine Security-Leute zeigten sich weniger begeistert. Zuhause, sagte einer, habe er bessere Fliesen im Badezimmer, sein Hotelfernseher stamme eindeutig aus den 60er Jahren.

Ein anderer hochrangiger Gast aus Berlin dagegen spazierte am späten Sonntagnachmittag ganz entspannt zurück ins Metropol: Eberhard Diepgen samt Gattin Monika. Er sei eben zum Tee bei Luschkow gewesen und dann ein wenig durch Moskau gebummelt, plauderte der von der Moskauer Sonne leicht gebräunte Urlauber. Jurij Luschkow habe ihn „als guten Freund“ mit eingeladen zur Eröffnung des Berlin Hauses. Schließlich habe man das Projekt ja vor neun Jahren gemeinsam angeschoben.

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