Berlin : Im Bandenkrieg wird aufgerüstet

Gewalt zwischen arabischen Großfamlien eskaliert. Nach Schüssen zwei Verdächtige festgenommen

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Mit einer groß angelegten Razzia am Donnerstagabend hat die Polizei versucht, eine Gewalteskalation zwischen zwei kurdisch-libanesischen Großfamilien zu unterbinden. Das Landeskriminalamt hatte interne Informationen, dass sich Mitglieder eines Clans mit Schusswaffen ausgerüstet hatten, um offenbar eine blutige Fehde zu führen. Hintergrund war eine Schießerei in Neukölln in der Nacht zu Donnerstag auf einen 26-Jährigen, der zu einem der Clans gehört.

Bei der Großrazzia durchsuchten rund 350 Beamte ein Dutzend Lokale und Wohnungen vorwiegend in Neukölln, Kreuzberg und Charlottenburg. Dabei wurden zwei 25 und 18 Jahre alte Männer in Zusammenhang mit den Schüssen in Neukölln vorläufig festgenommen. Sie sollen dem rivalisierenden Clan Abu-C. angehören. Insgesamt wurden 62 Personen überprüft. „Zudem haben wir Beweismaterial gesichert“, sagte der Chef des Landeskriminalamtes (LKA), Michael Haeberer, gestern. Doch primär sei es den LKA-Ermittlern darum gegangen, wer mit wem „tatnah zusammen ist“ und wo sie sich treffen. „Uns ging es primär darum, einzelne Clan-Mitglieder zu finden, um eine Struktur zu erkennen.“

Die Razzia steht in Zusammenhang mit der Schießerei in der Nacht zu Donnerstag in der Neuköllner Nogatstraße. Der 26-jährige Mohammed R. wurde dort vor einem Wohnhaus mit einer scharfen Waffe mehrmals beschossen. Doch der Schütze – offenbar ein Mitglied aus der Familie Abu-C. – verfehlte sein Ziel. Das Opfer konnte entkommen.

Mohammed R. gehört zu jener kurdisch-libanesischen Großfamilie, die sich kürzlich für eine bewaffnete Fehde gerüstet haben soll. Polizeiintern wird nicht ausgeschlossen, dass Mohammed R. mit den Schüssen, die aus fünf Metern Entfernung abgefeuert wurden, „lediglich gewarnt werden sollte“, wie ein Ermittler sagte. Die Polizei wertet die Schüsse als Reaktion auf eine Schlägerei in der Silvesternacht. Dabei sollen Zugehörige der Familie von R. ein Mitglied des rivalisierenden Familienclans massiv verletzt haben. Worum es dabei ging, konnte Haeberer gestern nicht sagen. Allerdings vermutet die Polizei, dass es keine „Streitigkeiten um kriminelle Machenschaften waren“, sondern dass es eher um „verletzte Ehre“ ging. Bereits am 4. Januar hatten Unbekannte auf ein orientalisches Lokal in der Katzbachstraße in Kreuzberg gefeuert, verletzt wurde niemand. Auch hier sollen sich häufig Clan-Mitglieder aufgehalten haben. „Doch diesen Vorfall sehen wir momentan nicht in Zusammenhang mit dem aktuellen Streit“, sagte Haeberer.

Rund ein Dutzend dieser kurdisch-libanesischen Großfamilien gibt es in Berlin. Eine Vielzahl ihrer Mitglieder ist in der organisierten Kriminalität tätig. Es geht um Drogenhandel, aber auch Zuhälterei und Menschenhandel. Die rivalisierenden Clans wollen über ihre Türsteher die Clubs und Diskos kontrollieren, denn die Türsteher-Szene sei das „Vehikel, um Rauschgifthandel auszuüben“, hieß es.

Ihre Konflikte versuchen die Großfamilien stets „unter sich“ zu regeln. Sie sind dabei sehr verschwiegen. Auseinandersetzungen werden durch eigene „Friedensrichter“ und Geldzahlungen gelöst. „Die Familien tragen ihren Streit in der Öffentlichkeit aus, wollen aber nicht, dass die Öffentlichkeit, vor allem die Polizei, sich da einmischt“, sagte Haeberer. Berlin sei wegen seiner Größe für die Clans, die sich auch in anderen Städten niedergelassen haben, attraktiv.

Gekommen sind die Familien in den 80er Jahren, zu Zeiten des Bürgerkrieges im Libanon. Viele von ihnen stammen aus dem türkischen Kurdistan. Sie haben ihre Pässe vernichtet und sich als Libanesen ausgegeben, da in den Libanon nicht abgeschoben werden kann.

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