Berlin : Im Bauch des Wals

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Anfangs sah es gestern ganz so aus, als würde der erste Schiffsgottesdienst dieser Saison ein Flop. Nur kleckerweise füllte sich der Bauch des Wales „Moby Dick“. Das Ausflugsschiff ist allsommers seit neun Jahren an jedem ersten Sonntag im Monat bis zum Erntedankfest der Ort, an dem die Berliner Stadtmission Gottes Wort predigt. Wie Jona, den der Wal auf Befehl des Herren nach drei Tagen und Nächten geläutert wieder ausspie, soll man auch im Schiffsbauch der „Moby Dick“ auf seiner persönlichen Suche nach Gott eine Antwort finden. Und dies unmittelbar in Gottes freier Natur.

Die bot sicher gestern zwar gerade mal wieder berlinischgrau verhangen, aber allein der Wassergeruch und der Anblick des endlich, endlich sprossenden Grüns am Ufer stimmte erwartungsfroh heiter. Enten schnatterten um die „Havelperle“, die „Havelqueen“, den „Roland von Berlin“ und wie die in Tegel ankernde Ausflugsflotte noch so alles heißt, an deren Schiffswände gestern das dunkel schimmernde Wasser glucksend schwabbte.

Weit draußen auf dem See kreuzten mehrere weiße Segelboote, auch eine ganze Korona beflaggter Motorboote sah man ihre Kreise ziehen, derweil sich die „Moby Dick“ doch noch richtig füllte – vom Säugling im Kinderwagen bis zu der weißhaarigen alten Dame, die überhaupt keinen Schiffsgottesdienst ausfallen lässt.

Der erste in diesem Jahr begann mit Klavierspiel eines jungen Mannes, der dann auch ein Lied vom Löwenzahn sang, dass er selbst verfasst hatte. Wer Gott liebt, dem geht nie die Puste aus, heißt es über die kleine Pflanze mit der großen Durchsetzungskraft. Zuversicht und Kraft predigte dann auch Wilhelm Fingerhut, Pfarrer der Stadtmission in Pankow, nach dem die Schiffsgemeinde mit einem Moment der Stille der Erfurter Ereignisse gedachte. Denke man bis zum 11. September zurück, falle es einem schwer, Worte für das Elend der Menschen zu finden.

Der Mensch sei etwas Wunderbares, aber eben diese Größe berge auch die Gefahr des Hochmuts und der Selbstüberschätzung. Menschen, mit den wir nicht klarkommen, werden ausgesperrt, ausgegrenzt. So wie in der biblischen Geschichte aus Markus 5, in der so ein ausgrenzter Mensch seine Zerrissenheit gegen sich selbst richtet, sich mit Steinschlägen selbst für das straft, was Menschen ihm angetan haben. Wenn sich zwei Menschen begegnen, begegnen sich zwei Abgründe, zitiert derPfarrer dazu den Philosophen Kierkegaard.

Nein, so richtig nett, wie sich mancher vielleicht den ersten Schiffsgottesdienst der Saison vorgestellt habe, sei das nicht, sagt Wilhelm Fingerhut, bittet aber um Geduld. Denn Gott gebe uns Hoffnung. Auch dann, wenn wir glauben uns schon von ihm entfernt zu haben – unter Druck stehen, den Ansprüchen in der Familie, der Schule, dem Beruf oder dem Alltag nicht mehr gewachsen fühlen.

Die zuverlässige Zuversicht, dass Gott uns liebt, anerkennt und wert erachtet, sollten wir wieder öffentlich machen. Gott sagt Ja zu uns mit all unseren Rissen und Brüchen – das versucht der Pfarrer gestern seinen Schäflein mit auf den Heimweg zu geben. Bei manchen dauerte der gestern noch – nach dem letzten Amen können Gottesdienstbesucher traditionell zum halben Preis zwei Stunden über die Havelseen schippern. hema

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