Berlin : Im "Café Pssst!" bleibt das Rotlicht vorerst an

Cay Dobberke

Dieses Lob hatte nicht einmal Bordell-Chefin Felicitas Weigmann erwartet: Ihr "Café Pssst!" an der Brandenburgischen Straße sei "aus kriminalpolizeilicher Sicht wünschenswert", sagte der Vertreter des Landeskriminalamtes (LKA) gestern vor der 35. Kammer des Verwaltungsgerichts. "Wenn alle bordellartigen Betriebe so geführt würden, hätten wir weniger Arbeit." Dann drohe im Rotlichtmilieu nicht das "Abgleiten in die organisierte Kriminalität".

Die Aussage trug dazu bei, dass Felicitas Weigmann einen Etappensieg erzielte: Ihre Bar darf vorerst geöffnet bleiben, obwohl darin laut Bezirksamt Wilmersdorf "der Unsittlichkeit Vorschub geleistet" wird. Tatsächlich warten dort Prostituierte auf Freier, mit denen sie gegebenenfalls Wohnungen im Hinterhaus aufsuchen. Felicitas Weigmann, die auch die Wohnungen vermietet, steht offen dazu. Im Dezember entzog ihr das Wirtschaftsamt die Ausschank-Konzession, weil laut Gaststättengesetz keine Unsittlichkeiten in Lokalen erlaubt seien. Die Wirtin beantragte dagegen eine einstweilige Anordnung. Auf Wunsch des Gerichts wurde der "Sofortvollzug" der Schließung dann verschoben - und gestern, wieder auf Drängen der Richter, zurückgezogen.

Das eigentliche Urteil soll im Laufe des Jahres folgen. Der Vorsitzende Richter Percy MacLean hofft, dass bis dahin der Entwurf eines von Bundesfrauenministerin Christine Bergmann (SPD) geplanten Gesetzes zur sozialen Absicherung von Prostituierten vorliegt. Darauf hatten sich Felicitas Weigmann und ihre Anwältin berufen. Die "Sittenwidrigkeit" entfiele. Auf Nachfrage teilte das Ministerium aber mit, dass der Entwurf wohl nicht mehr in diesem Jahr fertig werde.

Zur "Grundsatzfrage", ob Prostitution überhaupt noch als Verstoß gegen die Sittlichkeit gilt, will das Gericht auch Stellungnahmen von 20 bis 30 "gesellschaftlichen Gruppen" einholen.

Anders als in vielen anderen Bordellen arbeiten die Huren bei Felicitas Weigmann ohne Zwang: Sie kommen nach Belieben und entscheiden selbst, mit wem sie sich einlassen. Die Zimmer können sie für 60 Mark pro Stunde mieten. Doch gerade mit den "günstigen Arbeitsbedigungen" wurde der Konzessionsentzug begründet: Der Ausstieg aus dem Milieu werde erschwert.

Die Richter fanden dies absurd. Ein "Sofortvollzug" aus besonderem öffentlichen Interesse sei wegen drohender Straftaten möglich - aber Kriminalität lege ja niemand der Bordell-Chefin zur Last.

Auch sonst erlebten die anwesende SPD-Wirtschaftsstadträtin Monika Thiemen und Amtsleiter Klaus Albat eine Blamage. Sie wollten von anderen Bordellen lange nichts gewusst haben. Erst jetzt verfüge man über eine Liste der Polizei und habe diese mit Kontrollen beauftragt. Doch da unterbrach einer der Richter: Er sei am Hagenplatz aufgewachsen und wisse, dass dort ein Sexlokal existiere, das zudem oft in Zeitungen inseriere. Auch der "langjährigen Stadträtin" Thiemen könne das kaum entgangen sein.

Laut LKA gibt es in Wilmersdorf acht Sexbars und 15 "Wohnungsbordelle". Amtsleiter Albat bestritt dies: Ein Lokal an der Konstanzer Straße habe man geschlossen, es sei später ausgebrannt. Drei weitere Bars, alle in eine Haus an der Lietzenburger Straße, seien wegen Bauarbeiten zu. Stadtweit zählte das LKA 277 einschlägige "Clubs und Bars" und 296 "Wohnungsbordelle".

Die Bezirksamtsvertreter betonten stets, sie müssten "Recht und Gesetz" befolgen. Erst nach der Sitzung ließ sich Stadträtin Thiemen eine Meinung zur Initiative ihrer Parteifreundin Bergmann entlocken: "Ich fände das positiv."

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