Berlin : Im Dschungel von Dahlem

Der Botanische Garten feierte seinen Hundertsten mit 12000 Besuchern. Die freuten sich über tropische Touren – und ärgerten sich über Läuse

Christian van Lessen

„Fühlt der sich auch wirklich wohl?“, fragte eine Besucherin des Botanischen Gartens, zeigte skeptisch auf den Kakaobaum im „Warmhaus“. Dass alles herum wie ein Dschungel aussah, wie ein aufregender Trip durchs Amazonasgebiet, interessierte die Pflanzenfreundin nicht. Dass der Botanische Garten am Sonntag mit dem „Berliner Gartenfest für 100 Cent“ seinen 100. Geburtstag feierte und in Festlaune war, konnte die Frau in dem Moment auch nicht beeindrucken. Der Kakaobaum sah wirklich angegriffen aus.

„Er hungert im Topf“, erklärte Gartenmeisterin Henrike Wilke den Teilnehmern einer Führung hinter die Kulissen. Sie schimpfte auf die langschwänzige Wolllaus, auf eine „ganze Palette von Schädlingen“. Aber mit dem Einsatz von Marienkäfern werde man der Laus schon beikommen und den Baum mit einer Dünger-Kur bestimmt aufpäppeln können. Die gute Stimmung, mit der die Führung begonnen hatte, war wieder gerettet.

Beim Jubiläumsfest, zu dem mehr als 12000 Besucher zum Euro-Eintrittspreis in den Garten kamen, war eben auch der Blick in Anzuchthäuser und „Intensivstationen“ gestattet, die sonst verbotene Zone sind. Es gibt nicht genug Ausstellungsflächen, um alle Pflanzen zu zeigen; oft ist von einer aussterbenden Gattung auch nur ein Exemplar vorhanden.

Aber auch so gab es viel zu sehen, vor allem rund um den Italienischen Garten, aus dessen Teich mit den Seerosen aufmunterndes Froschgequake kam. Auf der Bühne traten unter anderem der Berliner Konzertchor, der Rias Kammerchor, das Primarte Orchester und Acki Hoffmanns Jazzmusiker auf, wobei sehr oft der Blick nach oben ging, weil es doch hin und wieder tröpfelte. Die Besucher waren beruhigt, trockene Gewächshäuser in der Nähe zu haben, wenn auch mit hoher, tropischer Luftfeuchtigkeit. Viele erfuhren, dass es im Botanischen Garten richtige Aquarien gibt, mit tropischen Pflanzen.

Groß kam auch der Blumenverkauf an. Jürgen und Brigitte Melzer aus Lankwitz zogen wie Hunderte andere auch mit einer Pflanze ab, „die schön exotisch aussieht – und das für 2,50 Euro.“ Auch hauseigene Geranien waren gefragt. „Könnten Sie die nicht immer verkaufen?“ Ein Kind bat die Eltern herzzerreißend, einen großen Baum zu kaufen, der sich „eucalyptus globulus“ nannte. Die Antwort: „Kind, wir haben nicht mal ’nen Balkon.“

In einer kurzen Rede betonte Direktor Werner Greuter, dem von Sparzwängen gebeutelten Garten sei es in 100 Jahren Dahlem wohl gegangen, man wolle „heute nicht weinen“. Er freute sich über ein Glückwunschschreiben der Verbraucherschutzministerin Renate Künast. Und er war froh, den SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter zu sehen: „Beschützen Sie uns weiter, Sie haben heute mehr Möglichkeiten!“ Benneter schwieg verlegen. Hans-Jörg Duvigneau. früherer Chef der Wohnungsbaugesesellschaft GSW, stand neben ihm und raunte: „Wer den Garten schließt , hat dreieinhalb Millionen Berliner gegen sich.“ Auch Pflanzenfreund Duvigneau. Immerhin gab es mal eine Rose seines Namens, von einem Verwandten in den 20er Jahren gezüchtet und bis vor wenigen Jahren im Botanischen Garten ausgestellt.

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