Berlin : Im Etat des enommierten Bildungsinstituts fehlen 100 000 Mark

Heiko Schwarzburger

Die Lessing-Hochschule in Dahlem soll künftig nur noch 100 000 Mark aus dem Landeshaushalt erhalten. Damit steht das renommierte Bildungsinstitut vor dem Aus. Mit den ursprünglich für dieses Jahr zugesagten 210 000 Mark wäre die Bildungsstätte für die Erwachsenenqualifizierung noch einigermaßen über die Runden gekommen. Die jetzt von Schulsenator Klaus Böger (SPD) verfügte Halbierung der Zuschüsse bedeutet, dass das Geld nur noch für die Schließung zum Ende des laufenden Haushaltsjahres reicht.

Die Lessing-Hochschule wurde 1900 von liberal eingestellten Bürgern gegründet. In den zwanziger Jahren erlangte sie eine besondere Stellung im Berliner Bildungswesen, berühmte Zeitgenossen gehörten zu ihren Förderern, unter anderem C. G. Jung, Paul Löbe, Werner Sombart, Thomas Mann, Max Reinhardt und Gustav Stresemann. Albert Einstein schrieb 1928 in einem Brief an den Psychologen Ludwig Lewin, der die Schule damals leitete: "Die Existenz der Lessing-Hochschule ist nach meiner Überzeugung schon darum von hoher Wichtigkeit, weil bei uns entschieden zu wenig getan wird, um die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung auch den nicht im Fach Stehenden zugänglich zu machen." Kurz nach dem Machtantritt der Nazis musste Lewin seinen Sessel räumen, alle jüdischen Dozenten erhielten Lehrverbot. Dies kam einer Schließung gleich. Die Lessing-Hochschule verkam zur Bedeutungslosigkeit und verschwand nach Kriegsende endgültig. 1964 kehrte Lewin aus dem amerikanischen Exil zurück. Ein Jahr später gründete Willi Brandt, seinerzeit Regierender Bürgermeister von West-Berlin, die Hochschule neu. Vorsitzender des Trägervereins wurde Joachim Tiburtius, Senator für Volksbildung.

Das Lehrangebot der Lessing-Hochschule umfasst nahezu alle wissenschaftlichen Disziplinen sowie Rhetorik, architektonische oder botanische Rundgänge durch Berlin und die nähere Umgebung. Jährlich schreiben sich zwischen 12 000 und 15 000 Teilnehmer ein. Die Gebühren für die Kurse liegen zwischen wenigen und 100 Mark.

"Die Lessing-Hochschule wurde schon einmal geschlossen, nämlich 1933", kritisierte der frühere Kulturstaatssekretär Lutz von Pufendorf, der dem Trägerverein der Hochschule heute vorsteht. "Der neuerliche Versuch ihrer Schließung weckt bei allen Beteiligten ungute Assoziationen." Mitglied des Trägervereins ist auch Rainer Höynck, der viele Jahre lang die Kulturredaktion des Radiosenders Rias Berlin leitete. "Die Floskel, es sei kein Geld da, ist blanker Nonsens", sagte er. "Da soll man lieber ehrlich sagen: Dafür wollen wir kein Geld ausgeben, sondern für etwas anderes." In Berlin würden lieber teure U-Bahn-Bauten vorangetrieben. "Für Bildung und Kultur hingegen bleibt nichts übrig."

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