Berlin : Im Fall Georgine glaubt die Kripo an ein Verbrechen

Ermittler untersuchten 140 Morde und Tötungsversuche – nur vier Fälle sind ungeklärt. Beamte beklagen Überlastung

Jörn Hasselmann

So viel Arbeit gab es für die Mordermittler in der Schöneberger Keithstraße seit vielen Jahren nicht. 140 Morde und Mordversuche registrierte die Polizei in diesem Jahr, 125 waren es im Vorjahr. Die spektakulärsten Fälle wurden rasch aufgeklärt, bilanzierte gestern Oberstaatsanwalt Ralph Knispel, die Aufklärungsquote werde wieder über 90 Prozent liegen. Allerdings hätten Polizei und Staatsanwaltschaft in diesem Jahr an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit gearbeitet, so über Wochen nach dem Amoklauf am Hauptbahnhof und der Entführung des Russen Vadim Freinkman im August.

Nur noch vier Delikte sind ungeklärt: Die beiden Morde am Neuköllner Schuhmacher Franz Quenstedt und am Weddinger Arbeiter Bünyamin Yildirim, sowie zwei Fälle von vermissten Personen: Daniela Langer und Georgine Krüger. Bei der 14-jährigen Georgine, die im September in Moabit spurlos verschwand, geht die Kripo mittlerweile von einem Verbrechen aus. „Es ist unwahrscheinlich, dass das Mädchen aus eigenem Antrieb verschwand“, sagte Chefermittler Bernhard Jaß, „es fehlt jede Spur.“ Weder wurde die Kleidung gefunden noch sonst irgendein Hinweis. Ob Georgine tot ist oder wie die 13-jährige Stephanie aus Dresden irgendwo festgehalten wird, wissen die Ermittler nicht. Obwohl die zweite Vermisste nur etwa 200 Meter von Georgine Krüger entfernt wohnte, hält die Kripo einen Zusammenhang für ausgeschlossen. Die 40-jährige Daniele Langer hatte im Mai ihre Wohnung verlassen, nichts darin deutete darauf hin, dass sie nicht wiederkommen wollte. Wie es hieß, gebe es mindestens eine warme Spur zu einer Person aus dem weiteren Umfeld, hieß es.

Mysteriös sind weiter die beiden Morde. Der 66-jährige Schuhmacher Quenstedt war im Januar in seiner Werkstatt in der Emser Straße getötet worden. Einziger Anhaltspunkt nach elf Monaten: Die geraubten Geldscheine sollen blutbefleckt sein – doch bislang ist kein blutiger Schein aufgetaucht.

Eine bessere Spur hat die Mordkommission bei Bünyamin Yildirim. Gestern veröffentlichte die Polizei die Stimme eines anonymen Anrufers, der sich unmittelbar nach der Tat bei der Polizei meldete. „Wir sind sehr interessiert, wer das ist“, sagte ein Ermittler. Die Tonband-Aufzeichnung ist in Teilen unter 4664 911 666 zu hören. Nicht nur durch diesen Anruf weiß die Kripo, dass der 45-Jährige in den Wochen vor der Tat offenbar Schulden gemacht hatte und Geld brauchte. Die Ehefrau wisse von nichts, hieß es. Ihr sei nur aufgefallen, dass sich ihr Mann in den Wochen vor dem Mord stark verändert habe. Mehrfach habe ihr Mann nachts alleine dieWohnung verlassen. Ob der Türke das Geld verspielte oder eine Geliebte hatte, ist unklar. Yildirim war im Volkspark Humboldthain durch einen gezielten Kopfschuss getötet worden.

Wie der für Kapitaldelikte zuständige Oberstaatsanwalt Ralph Knispel sagte, beobachte er „mit Sorge“, dass „die Polizei an ihre Grenzen stoße“. Innerhalb eines Jahres verloren die sieben verbliebenen Mordkommissionen sechs Ermittler. Bis 2001 waren es sogar neun Kommissionen gewesen, mit entsprechend mehr Leuten. Ein Zeichen für die Überlastung sei, dass in diesem Jahr die Zeit gefehlt habe, sich mit länger zurückliegenden Fällen zu beschäftigen. Aufgeklärt wurde nur der Mord an Herbert Kretzer aus dem Jahr 2002. „Altfälle blieben 2006 liegen“, hieß es.

Bei den 140 bearbeiteten Fällen gab es 74 Tote. Zudem wurden 19 Entführungsfälle von den Mordkommissionen bearbeitet. Wie Oberstaatsanwalt Knispel sagte, soll gegen zwei Entführer des jungen Russen Vadim Freinkman in Kürze Anklage erhoben werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben