Berlin : Im falschen Film

Der Osten probte den Aufstand, der Westen feierte Berlinale. Und mittendrin steckte Gary Cooper

Andreas Conrad

„High Noon“ in Berlin, doch auf den Sheriff war Verlass: „Amerikas Filmheld Gary Cooper hat gestern der Festspielleitung mitgeteilt, dass er trotz der neuen Berliner Situation hierher kommen wird“, meldete der „Telegraf“ am 18. Juni 1953. „Heute Vormittag um 11 Uhr trifft er auf dem Flughafen Tempelhof ein.“ Auch auf die Zaungäste und Autogrammjäger war Verlass. In diesem Fall waren es wohl meist West-Berliner. Die Polizei musste Cooper erst einen Weg durch die tausendköpfige Menge bahnen. Als letzter hatte er die Maschine verlassen, in Begleitung von Ehefrau, Tochter und Schwiegermutter.

Er war also tatsächlich gekommen, „Coop“, wie seine Freunde ihn nannten. Der absolute Topstar der 3. Berliner Filmfestspiele, in deren letzte Vorbereitungen der Ost-Berliner Aufstand hineingeplatzt war. Hans Borgelt, damals Pressesprecher des (erst 1978 in den Winter verlegten) Festivals, hat die Geschehnisse in einem Vortrag geschildert, den er 1997 im Beiprogramm zu drei DDR-Ausstellungen im Deutschen Historischen Museum hielt. Helma Schleif, Organisatorin des Programms, die ihn um seine Erinnerungen gebeten hatte, stellte das Manuskript jetzt dem Tagesspiegel zur Verfügung.

Die Nachricht vom Aufstand hatte Borgelt im provisorischen Festspielbüro in der Tauentzienstraße erreicht, als die Hektik der Vorbereitungen ihrem Höhepunkt entgegentaumelte. „In meinem Kopf drehten sich die Namen von Filmen, Schauspielern, Regisseuren, Delegierten, Ehrengästen und Kritikern an diesem wildesten Tag der Berlinale-Vorbereitungen. Morgen, am 18. Juni 1953, sollte der Rummel losgehen. Und nun plötzlich das.“

Die Sorge der Organisatoren um Festivalchef Alfred Bauer, die prominenten Gäste könnten der Berlinale nun fernbleiben, sollte sich bis auf einzelne Absagen nicht erfüllen, und auch das Programm wurde ohne Abstriche durchgezogen. Dennoch überschatteten die Ereignisse in Ost-Berlin das zehntägige Filmfest, schufen eine bizarre Scheinwelt: „Auch auf dem Kurfürstendamm bildeten sich Menschengruppen, behinderten den Verkehr und schrieen“, erzählt Borgelt. „Aber sie schrieen keine politischen Parolen, sondern die Namen ihrer Kinolieblinge, und sie ballten nicht ergrimmt die Fäuste, sondern klatschten begeistert in die Hände.“

Der Senatsempfang zur Eröffnung wurde immerhin gestrichen, das Geld gespendet, und bei der Eröffnungsfeier gedachte man der Toten von Ost-Berlin. Gloria-Palast und Marmorhaus, die Hauptkinos der 3. Berlinale, waren voll wie immer. Nur die leeren Sitzreihen im BTL brachten die Bilanz dann doch in Schieflage. Das Kino in der Potsdamer Straße – heute befindet sich dort der Wintergarten – war für Ost-Zuschauer gemietet worden, die notgedrungen ausblieben. Der Enthusiasmus der Autogrammjäger blieb von den Nöten der Menschen im Osten unbeeinflusst. Nur einmal berührten sich diese beiden Welten, als man gegen Ende der Festspiele ins Haus Wien zu einer Signierstunde unter anderem mit Rudolf Prack und Willy Fritsch lud, bei einer Mark Eintritt. Der Erlös ging an die Hinterbliebenen von Opfern des 17. Juni.

Im Mittelpunkt des Trubels aber stand Gary Cooper – wie es hieß, mit einem Tagespensum von 250 Autogrammen. Sein Besuch soll laut Borgelts Erinnerung recht dramatisch verlaufen sein. Demnach sei Cooper bereits am 16. Juni angekommen und am Morgen des 17. Juni nach Ost-Berlin aufgebrochen – ein harmloser Ausflug zu den Orten, die er 1938 gesehen hatte und nun seiner Familie zeigen wollte, nicht ahnend, welcher blutige Ernst sie dort erwartete. Offenbar hat Borgelt sich hier geirrt: Tagesspiegel, „Morgenpost“ und „Telegraf“ nannten als Ankunftstermin Coopers übereinstimmend den 18. Juni. Auch eine spätere Sightseeing-Tour scheint angesichts der Lage fraglich. Coopers Frau erzählte laut Tagesspiegel lediglich von einem Besuch an der Sektorengrenze und einem „ersten Bummel durch Berlin“ am 19. Juni vormittags. Kurz erwähnt wird sein möglicher Ausflug nach Ost-Berlin auch in einem Bericht, der Anfang Oktober 1953 in den „Hollywood Citizen News“ erschien, mit ihm als nur indirekt zitierter Quelle.

Gesichert scheint die große Anteilnahme Coopers an den Geschehnissen. Er besichtigte ein Flüchtlingslager, ließ Seife, Näh- und Rasierzeug verteilen, besuchte das Treffen der Postgewerkschaft im Prälat Schöneberg und soll dabei, so heißt es in zwei US-Biografien, die „Soviet police of East Berlin“ mit den „Nazi storm troopers“ verglichen haben. Andere Quellen wiederum berichten von kritischen Aussagen zur Lage in den USA. „Unumwunden verurteilte er die ,Kommunistenhatz’ McCarthys’“, heißt es in Wolfgang Jacobsens Buch „50 Jahre Berlinale“.

Bei der Veranstaltung aber, die – noch vor der Premiere seines Films „Zwischen zwei Frauen“ am 19. Juni im Delphi – den Höhepunkt des Berlin-Besuchs bildete, spielte die unerfreuliche politische Realität keine Rolle. Das war am 20. Juni, abends in der Waldbühne. Erst erfreute das Berliner Tanzorchester mit munteren Filmmelodien, gesanglich begleitet von Renate Holm und Evelyn Künneke, dann hatte der Film „Die Jungfrau auf dem Dach“ mit Hardy Krüger und Johannes Heesters Premiere. Doch was war das schon gegen ihn, Gary Cooper, im Smoking vorne in der ersten Reihe, flankiert von Frau und Tochter. Das Publikum klatschte sich die Hände wund, entzündete sein beliebtes Streichholzfeuerwerk. Auch Cooper ließ ein Hölzchen aufflammen, ein Schupo half mit ehrerbietiger Miene. Alex, Stalinallee, Potsdamer Platz? Die lagen ganz weit weg im Osten, fast auf einem anderen Planeten.

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