Berlin : Im Glauben fest mit Nina Hagen

Pro Reli ist en vogue: Katholiken, Protestanten und orthodoxe Christen feiern am Wochenende in Mitte.

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Da oben. Der griechisch-orthodoxe Geistliche Emmanuel Sfiatkos im Gespräch mit Nina Hagen. Die Rocksängerin wird beim Fest der Kirchen auftreten. Foto: dpa/Kappeler
Da oben. Der griechisch-orthodoxe Geistliche Emmanuel Sfiatkos im Gespräch mit Nina Hagen. Die Rocksängerin wird beim Fest der...Foto: dpa

Berlins Glaubensgemeinschaften kommen aus dem Feiern nicht mehr heraus. Ende Mai luden Protestanten und Katholiken zur „Nacht der offenen Kirchen“, Mitte August öffneten die Synagogen zur „Langen Nacht“. Vor zwei Wochen feierten Juden, Christen, Muslime, Bahai, Hindu und Buddhisten die „Lange Nacht der Religionen“, und am morgigen Sonnabend treffen sich die Christen zum „Berliner Fest der Kirchen“. Nicht zu vergessen: der Tag der offenen Moscheen am 3. Oktober. Huch? Ist Berlin auf einmal religiös geworden?

Davon kann statistisch gesehen keine Rede sein. Nur ein Drittel der Berliner ist Mitglied in einer Kirche – und mehr werden es wohl auch in Zukunft nicht. Bei 3,5 Millionen Einwohnern fallen auch 300 000 Muslime nicht wirklich ins Gewicht. Doch selbst in Berlin hat sich die Religiosität nicht einfach in Luft aufgelöst, sondern sucht sich neue, bunte Formen.

Das Bedürfnis nach geistiger Orientierung ist ja auch eher gestiegen, Sinnfragen sind drängender geworden. Viele Menschen kennen zwar die biblischen Geschichten nicht mehr, wohl aber die Frage, warum sie auf der Welt sind und wie das sein wird, wenn sie einmal sterben. Sie wollen keine Moralpredigten hören, aber es treibt sie die Frage um nach Schuld und Sühne. Sie suchen nach Kriterien in den Debatten um Anfang und Ende des Lebens, um Krieg und Frieden. Sie sehnen sich nach jemandem, der dem globalen Markt eine globale Moral zur Seite stellt, der zu denen hält, die unter die Räder kommen.

Die Religionen können auf diese Bedürfnisse antworten – und tun das auch mit wachsendem Selbstbewusstsein. Christen verstecken sich nicht mehr in den Kirchen. Auch die jüdische Gemeinschaft, gewachsen durch Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, aus Israel und den USA, geht offensiver in die Öffentlichkeit, wie zuletzt am vergangenen Wochenende, um gegen staatliche Bevormundung beim Thema Beschneidung zu demonstrieren. Die Muslime drängt es längst aus den Hinterhöfen heraus. Am wirkungsvollsten können Minderheiten Zeichen setzen, wenn sie sich zusammentun. Das hat die erste Lange Nacht der Religionen vor zwei Wochen gezeigt. Die Katholiken waren daran nicht beteiligt. Man habe zu spät von den Planungen erfahren, heißt es. Da sei man schon zu sehr mit der Organisation für das christliche Kirchenfest am morgigen Sonnabend beschäftigt gewesen. Naja. Vielleicht gibt es nächstes Jahr einen zweiten Anlauf. Seit Freitag liegen Architektenentwürfe für das erste multireligiöse Zentrum öffentlich aus, das vielleicht einmal auf dem Gelände der ehemaligen Petrikirche an der Gertraudenstraße in Mitte gebaut wird.

Auch Nina Hagen verkündet neuerdings die „frohe Botschaft“, wie sie sagt. Vor drei Jahren ließ sie sich evangelisch taufen. Am Sonnabend besingt sie ab 20 Uhr beim Berliner Kirchenfest ihren „Personal Jesus“. Das Fest auf dem Gelände zwischen dem Roten Rathaus und Marienkirche beginnt um 12 Uhr mit kulinarischen Höhepunkten. Christen unter anderem aus Kongo, Syrien, Armenien, Griechenland und China zeigen, was bei ihnen in der Pfanne schmort. Ab 14 Uhr treten Gospelchöre und Tanzgruppen auf. Die Marienkirche bietet Kirchenmusik und ein geistliches Programm. An 170 Ständen erfahren Besucher, wie sich christliche Gemeinden und Sozialverbände für arme und schwache Menschen engagieren, was sie tun für Umwelt und Kultur und für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Um 18 Uhr feiern Protestanten, Katholiken und Orthodoxe zusammen einen Gottesdienst. Der evangelische Bischof Markus Dröge, Kardinal Rainer Maria Woelki und der griechisch-orthodoxe Metropolit Augoustinos nehmen daran teil. Das Besondere an diesem Gottesdienst: Statt katholischer Eucharistiefeier oder evangelischem Abendmahl feiern alle zusammen die sogenannte Artoklasia, ein Ritus aus der orthodoxen Kirche, bei dem Brot gesegnet und mit Öl und Wein gegessen und getrunken wird. Und dann kommt Nina Hagen.

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