Im Gleichgewicht : Fahrrad-Yoga für Ausgeglichenheit im Straßenverkehr

Fahrrad-Yoga soll Entspannung speziell für Radler bringen – im Straßenverkehr oder auf der Matte. Es gibt nicht nur Yoga für das Rad, sondern auch mit dem Rad.

Julia Bernewasser
Teilnehmer eines Kurses im YogaCycling fahren auf dem Tempelhofes Feld in Berlin Fahrrad im Yogasitz.
Teilnehmer eines Kurses im YogaCycling fahren auf dem Tempelhofes Feld in Berlin Fahrrad im Yogasitz.Foto: picture alliance / dpa

Wenn er auf dem Fahrrad sitzt und das Adrenalin durch seinen Körper schießt, dann sei er glücklich, erzählt Timo Pritzel. „Wobei, vielleicht macht mich Yoga noch ein bisschen glücklicher. Da kann ich abschalten. Da finde ich meinen Frieden.“

Der 38-Jährige sitzt im Schneidersitz auf der Matte, die Hände streckt er zur Seite, schließt und öffnet sie abwechselnd. „Die Bicycle-Hände“, wie er sie gerne nennt. „Und jetzt in den Körper atmen“, weist der 38-Jährige seine Schüler an. Wie ein rauschender Wind klingen die tiefen Laute der Teilnehmer. Anspannung und Entspannung, darauf komme es an, betont er immer wieder und zeigt dabei sein Lächeln hinter dem dunklen Vollbart.

Timo Pritzel ist gebürtiger Berliner und bekannt als BMX–Fahrer und Freerider. Er ist Deutscher Meister in verschiedenen Disziplinen, hat den Weltrekord im Mountainbike-Hochsprung geknackt, die „Dirt-Jump- WM“ in Portugal gewonnen und die Berliner Mauer mit dem Fahrrad übersprungen.

Die Blockaden gingen weg

Doch neben dem Radsport hat er eine zweite Leidenschaft für sich entdeckt: Yoga. Warum also nicht beides miteinander kombinieren? Innerhalb der Berliner Fahrradwoche zeigt er am Dienstagmorgen, wie Yoga für Fahrradfahrer funktioniert. Nur mit den Zehenspitzen und den Fingern berühren die Teilnehmer seines Kurses den Boden, die Körper schweben über der Matte, die Köpfe sind leicht nach vorne gestreckt. „Und jetzt: Halten, halten, halten“, ruft Timo Pritzel und wandert zwischen seinen Schülern umher. „Es soll Rekorde von sechs Stunden geben“, sagt der Neuköllner und lacht. Manchmal schleicht er sich eben wieder an: Der Wettbewerbsgedanke. „In meinem Leben ging es schon immer darum, der Beste zu sein. Ich habe alles riskiert.“ Beim Yoga ist das jetzt anders: „Hier geht es darum, die Balance zu finden, sich zu entspannen, sich selbst besser zu spüren.“

Dass ihm Yoga gut tut, hat Timo Pritzel mit Mitte 20 gemerkt. Eine Menge Verletzungen seien damals zusammen gekommen: unter anderem ein Nierenriss und ein Schädelbasisbruch. „Ich hab nur noch Schmerztabletten geschluckt. Auch der mentale Schmerz war extrem groß“, sagt er. Den Höhepunkt erreichte die Verletzungsserie, als er sich bei einem Wettbewerb den Fuß brach. Eine mehrmonatige Auszeit in Asien folgte. „Dort habe ich erst die Naturheilkunde und dann Yoga für mich entdeckt“, erzählt Timo Pritzel.

Übungen mit dem Fahrrad.
Übungen mit dem Fahrrad.Foto: picture alliance / dpa

Nicht nur die Schmerzen ließen nach, auch der eigenen Entwicklung habe Yoga gut getan, findet der 38-Jährige. „Ich hab mich dann viel intensiver mit mir selbst beschäftigt. Da war eine Art Therapie für mich.“ Und auch seinen Muskeln taten die Übungen gut. „Die Blockaden gingen weg. Hüfte und Leiste konnten wieder aufmachen“, sagt Pritzel, der inzwischen auch Radreisen mit anschließendem Yoga anbietet.

Yoga gibt es auch mit dem Rad

Seine Erfahrungen will er an andere Radsportler weitergeben. Gerade Hände, Arme und Schultern verkrampften besonders und könnten beim Yoga Lockerung finden. Teilnehmer Benjamin Ahrens ist ebenfalls ein Fan vom Radsport. Und vom Yoga. "Hier kann ich endlich mal loslassen und alles dehnen."

Doch es gibt nicht nur Yoga für das Rad, sondern auch mit dem Rad. Das bietet Yogalehrerin Nica Nadezda Agapova an. Sie hat spezielle Übungen wie den „Radler-Gruß“ oder den „Speichen-Spanner“. Bei Letzterem sollen Radfahrer nebenbei abwechselnd Arme und Beine anspannen – jeweils für zehn bis 30 Sekunden.

„Das kann man sehr einfach machen, weil es auch von außen kaum sichtbar ist.“ Komplizierter ist der Pfau, bei dem man sich mit dem Bauch auf den Sattel legt und die Beine nach hinten streckt. Zum Üben empfiehlt Nica Nadezda Agapova, in einem verkehrsberuhigteren Kiez zu fahren. Eigentlich soll „Fahrrad-Yoga“ aber im normalen Straßenverkehr möglich sein. Es woll weder ablenken, noch den Verkehr beeinträchtigen. „Es ist für alle Leute gedacht, die gerne Fahrrad fahren, aber bisher wenig Zeit oder Interesse am Yoga hatten“, sagt Agapova, die das Konzept entwickelt hat. Sie will damit für Entspannung im Alltag und ein neues Bewusstsein für den Körper sorgen.

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