Im Goggomobil von Bayern nach Berlin : Mit 13 PS der entspannteste Mensch der Welt

Sechs Wochen reiste Bianca Schäb quer durch Deutschland – um ihr Leben zu entschleunigen. Denn ihr kleines Auto hat nur 13 PS und fährt höchstens 60 km/h. Jetzt endete die Tour in Berlin.

Merle Collet
Rote Rettung: Art-Direktorin Bianca Schäb suchte auf Reisen im Goggomobil Tipps zur Entschleunigung.
Rote Rettung: Art-Direktorin Bianca Schäb suchte auf Reisen im Goggomobil Tipps zur Entschleunigung.Foto: promo

Gegen halb zehn beginnt Bianca Schäb ihren Arbeitstag. An einem hochmodernen Schreibtisch, den sie hoch- und runterfahren kann. In der Regel bleibt er jedoch oben, denn zum Sitzen kommt sie gar nicht. Termine, Konferenzen, eine kurze Mittagspause und weitere drei Meetings hindern sie daran.

Die Zeit rennt, und dennoch wird beim Blick auf die Uhr am Ende des Tages deutlich, dass sie ein messbarer Parameter ist. Feierabend. Bianca Schäb arbeitet als freie Art-Direktorin bei einem Reiseveranstalter. Zwar liebt Schäb ihren Job, doch scheinen ihr die Tage sehr identisch und so schnelllebig. Anfang Juli hat sie sich deshalb mit ihrem knallroten Goggomobil mit 60 km/h Spitzengeschwindigkeit und 13 PS auf die Reise quer durch Deutschland gemacht. Ihr Ziel: Bewusst zu entschleunigen, damit das Leben ihr wieder langsamer vorkommt.

Warum vergeht die Zeit im Urlaub oder in der Kindheit gefühlt viel langsamer? Diese Frage stellt sich Schäb häufig. „Ich fragte mich, wie ich es schaffen kann, dass mein Leben wieder gemächlicher ist“, sagt die 29-Jährige. Ihre Tour startete sie im bayerischen Dingolfing, dort, wo das Goggomobil – kurz Goggo – 1955 erfunden wurde.

Kopfstützen oder eine Tankanzeige sucht man in diesem Auto vergebens. Im Gepäck hat Schäb nur eine Tüte mit Kleidung und einen Werkzeugkoffer. Außerdem noch einen Koffer, den sie während ihrer Reise mit Geschenken zur Entschleunigung gefüllt hat. Zu ihrem roten Gefährt samt passendem Wohnwagen hat sie eine ganz persönliche Beziehung, die schon an einer langen Narbe an ihrem Handgelenk zu erkennen ist. „Da habe ich mir mal beim Zusammenbauen des Wohnwagens den Arm gebrochen“, erzählt sie und lacht.

Seit sechs Jahren fährt sie nur noch mit dem Goggo in den Urlaub. Auch, weil das Auto sie beruhigt. „Normalerweise bin ich eine sehr aggressive Autofahrerin“, sagt Schäb. „Im Goggomobil aber bin ich der entspannteste Mensch der Welt.“ Dass sie während ihrer Tour mit insgesamt 17 Stationen und etwa 2000 Kilometern acht Pannen hatte, war dann allerdings doch etwas stressig. Bis zur siebten Panne sei sie ganz ruhig geblieben, sagt sie, doch die achte war zu viel. „Da bin ich richtig sauer geworden.“ Doch auch das hat sie weitergebracht: „Krisensituationen manage ich jetzt auf jeden Fall besser“, sagt Schäb und lacht. Außerdem musste sie zweimal anschieben lassen, da ihr Auto die Anhöhen nicht schaffte.

Zwei Tage im Schweigekloster

Während der vergangenen Wochen traf Schäb, die immer auf Landhöfen übernachtete, verschiedene Menschen und Institutionen, um Tipps für ihre Entschleunigung zu sammeln. So verbrachte sie beispielsweise zwei Tage in einem katholischen Schweigekloster in Koblenz mit vielen Fragen und wenig Schweigen und erhielt am Ende ihres Aufenthalts nicht nur eine völlig neue Erfahrung, sondern auch den Rat einer Schwester, sich mehrmals am Tag die Frage zu stellen, wie es einem wirklich geht. „Wenn man mich das fragt, wird die Antwort immer kurz ausfallen. Ich glaube, man verlernt es, sich dies ehrlich zu beantworten oder überhaupt zu fragen“, sagt Schäb.

Die Kunst der Entschleunigung
Jonathan Schipper, The Slow Inevitable Death of American Muscle, 2007/08, Installation (Hydraulik, Verfahreinheit, Steuerung), 2 Autos, 1008 x 203,2 x 182 cm, Courtesy Jonathan Schipper und Pierogi Gallery, Foto: Jonathan Schipper, © Jonathan SchipperWeitere Bilder anzeigen
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21.11.2011 17:14Jonathan Schipper, The Slow Inevitable Death of American Muscle, 2007/08, Installation (Hydraulik, Verfahreinheit, Steuerung), 2...

Einen bleibenden Eindruck hinterließ bei ihr ein Ehepaar aus der Schwäbischen Alb, das all sein Hab und Gut verschenkt hat, um für zwei Jahre auf die Walz zu gehen. „Da wird einem erst mal klar, dass man auch ohne Geld und Güter auskommt oder diese einem sogar eher im Weg stehen“, sagt Schäb, die selbst aus Platzmangel in ihrem Goggo nur das Nötigste mitnehmen konnte. Und merkte: Es geht auch ohne Schaumfestiger.

"Eine Kuh ist das Entschleunigste, was es gibt"

In Düsseldorf ging sie auf Büdchentour, kam an einer Oldtimertankstelle mit ausgiebigem Service in den Genuss vergangener Zeiten und führte bei Google in Hamburg mit Gleichaltrigen ein Gespräch über ihr Anliegen. In Bayern lernte sie Melken und Kühe eintreiben – und stellte fest, dass ein Landwirt womöglich viel mehr Grund hätte, sich über seine Arbeit zu beklagen. „Die stehen um 5.30 Uhr auf, arbeiten bis zum späten Abend und sind trotzdem entspannt und glücklich“, erzählt sie. „Die sagen, eine Kuh sei das Entschleunigteste, was es gibt.“ Das liege am geregelten Tagesablauf, habe der Landwirt gesagt.

Nun ist Bianca Schäb in Berlin angekommen, dem Endpunkt ihrer Tour. Hier traf sie zuletzt Ole Schnack von „Landvergnügen“, einem mobilen Stellplatzführer, und sprach mit ihm über langsames Reisen. Außerdem besuchte sie die Oberbergklinik in der Charlottenstraße, um sich übers Burnout-Syndrom aufklären zu lassen.

Täglicher Termin: 30 Minuten Nichtstun

Ihre gesamten Eindrücke hat Schäb während ihrer Tour auf einem Blog gesammelt. Auf frohlein.de gibt es Erfahrungsberichte und noch viel mehr Fotos. Damit sie trotzdem noch genügend Zeit für sich hatte, verordnete sie sich täglich 30 Minuten Pause. Nicht reden, nicht essen, einfach nichts tun. „Das kann schon ziemlich schwierig sein“, sagt sie grinsend.

Im nächsten Jahr möchte Schäb die Tour gerne wiederholen, dann aber ohne feste Termine: „Die ganzen Begegnungen und Tipps waren sehr eindrucksvoll, aber nun brauche ich erst mal Zeit für mich, um das Ganze zu sortieren und um dann alles in die Tat umzusetzen“, sagt sie. Jetzt freut sich die Art-Direktorin auch wieder auf ihren Arbeitsplatz, hat ihn sogar ein bisschen vermisst. Denn dank der Reise weiß sie nun auch, wie der hochmoderne Schreibtisch auch mal unten bleibt.

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