Im Griff des Winters : Schippen und Wippen

Für viele Urlaubsheimkehrer heißt es: Erst das Auto unter der Schneedecke finden und dann freiräumen Aber auch für die Hiergebliebenen gehört die Schaufel beim Ausparken zum wichtigsten Utensil.

Stefan Jacobs / Annette Kögel
Berliner Gebirge. 80 Zentimeter Schnee sind in diesem Winter schon gefallen. Man sieht es. Wer jetzt aus dem Winterurlaub kommt, kann gleich weiterschaufeln.
Berliner Gebirge. 80 Zentimeter Schnee sind in diesem Winter schon gefallen. Man sieht es. Wer jetzt aus dem Winterurlaub kommt,...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Womit schippt der Mann denn Schnee? Tatsächlich, mit einer Maurerkelle, und das mit voller Absicht. „Ich habe mir die gerade im Baumarkt gekauft, extra mit den Zacken dran, damit bekomme ich auch das Eis gut weg.“ Christian Steiner aus Friedrichshain war über die Weihnachtsfeiertage im Urlaub, „und als ich zurückkam, war mein Smart ein Iglu“. Von oben Neuschnee, von der Straße die weißen BSR-Fontänen: Berliner Gebirge haben sich am Rande der Baerwaldstraße in Kreuzberg gebildet. Das Schneedach abzuräumen und dann die erste Furt durch Schnee und Eis zum rechten hinteren Autoteil zu graben, hat eine halbe Stunde gedauert. Der 40-jährige IT-Fachmann schwitzt schon und hat seine Mütze unter den Scheibenwischer geklemmt. Aber lieber ackern als mit den Öffentlichen fahren, sagt Steiner, „Busse und Bahnen fahren mir zu esoterisch.“ Kommste heute nicht, kommste morgen.

Der Winter macht erfinderisch, Maurerkelle, Buddelschippe, Ascheschaufel. Christian Fuchs und Henning Erdmann haben in der Kreuzberger Tempelherrenstraße die Schippe aus dem Garten parat. Vor der Mevlana-Moschee am Kottbusser Tor bearbeiten ältere Deutschtürken das Eis am Boden mit einer Spitzhacke. Der frühere Mariendorfer Jugendamtsleiter Ed Koch kommentiert im Nachrichtendienst „Paperpress“ sonst das politische Tagesgeschehen – jetzt gibt er Tipps zu letzten Schaufel-Vorräten: „Für 20 Euro erworben bei Possling, Harlemer Straße 57 in Britz. Und – es sind noch rund 20 vorhanden.“ Die Tipps sind Gold wert, erst recht für die Berliner, die dieser Tage aus dem Weihnachtsurlaub zurückkehren und ihre Autos erstmal lokalisieren müssen. Dann klemmen Tür und Fensterheber, und Tankdeckel sind eingefroren. In den Dörfern in der Rhön kippen die Leute schon Glut aus dem Ofen auf die Straße, um den Schnee zu schmelzen. In Berlin greift die BSR zum knapp gewordenen Tausalz, damit muss sie zwar noch immer haushalten, eine neue Lieferung ist aber inzwischen eingetroffen. Derweil werden die Parkplätze immer knapper. „Die ,Bugwelle‘ für parkende Autos ist leider nicht zu vermeiden“, sagt der BSR-Sprecher. Jetzt aber die Schneeberge womöglich nach Brandenburg abzutransportieren, würde wegen der Logistik keinen Sinn machen. „So viele Lkw mit Kran haben wir gar nicht, und mieten wäre zu teuer.“

Mann mit Kelle. Christian Steiner, 40, kreativer Autofreiräumer.
Mann mit Kelle. Christian Steiner, 40, kreativer Autofreiräumer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wer hätte das gedacht, solche Probleme mitten in der Stadt. Aber der Dezember war nicht nur der schneereichste – 43 Zentimeter liegen in Dahlem, mehr als der bisherige Rekord von 1913 mit 36 Zentimeter. Es war auch zweitkälteste Dezember in Berlin und Brandenburg seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Mit einem Mittelwert von minus 4,9 Grad Celsius in Dahlem und minus 4,8 Grad in Potsdam sei dieser Monat laut „ MeteoGroup“ nach dem im Jahr 1969 der zweitkälteste seit 100 Jahren. Insgesamt sind im Winter schon 80 Zentimeter Schnee gefallen.

Wie man auch ohne Anschieber aus der Parklücke kommt, weiß Peter Glowalla, Erster Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes. „Schippen oder Wippen“, lautet sein Tipp. Das eine erfordert eben die Schaufel, das andere Geschick: Nur mit schnellem Vor- und Zurückschalten lässt sich das Auto freischaukeln. Das macht dann möglicherweise einen Satz, so dass man tunlichst auf freie Bahn und genug Abstand achten müsse. Allgemein seien Allradfahrer am besten dran und Fahrer von frontgetriebenen Autos: Der schwere Motor über der Vorderachse lasse die Reifen besser greifen. Als weitere Hilfsmittel empfiehlt Glowalla etwas Streusand sowie „Anfahrmatten“, die den (ebenfalls halbwegs geeigneten) Fußmatten ähneln, aber länger sind. Und: „Der größte Quatsch ist Vollgas.“ Dabei gräbt sich das Auto immer tiefer ein und vereist noch die Fläche unter den Rädern.

Schneeketten dürfen zwar auch in der Stadt benutzt werden, aber haben nur auf völlig ungeräumten Straßen Sinn. „Wer mit den Metallketten auf Asphalt bremsen muss, bekommt zwar einen filmreifen Funkenflug, aber die Bremswirkung ist eher gering“, sagt Jörg Kist, Gruppenleiter Technik beim ADAC. Die Kombination aus Sommerreifen und Ketten „geht gar nicht“. Zum einen ist sie illegal, es gilt Winterreifenpflicht. Zum anderen machen die nicht angetriebenen und kettenfreien Räder, was sie wollen: Fronttriebler werden in der ersten glatten Kurve vom ausbrechenden Heck überholt, bei Heckantrieb rutschen die Vorderräder geradeaus. Stefan Jacobs / Annette Kögel

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

5 Kommentare

Neuester Kommentar